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Die Absetzung Abt Amand Oppitz’ 1930 im Spiegel der Zeitungsberichterstattung

Archiv des Schottenstifts -

Die Ausarbeitung eines Lexikonartikels zu Abt Amand Oppitz (1869–1947, Abt 1913–1930/1938) als Nachtrag zum Österreichischen Biographischen Lexikon, welcher demnächst online erscheinen wird, diente als Anlass zur Beschäftigung mit den Zeitungsberichten zur de-facto-Absetzung Oppitz’ und zur Einsetzung Pater Hermann Peichls als Abtkoadjutor im Jahr 1930. Diese Ereignisse hatten nämlich fast eine kleine Zeitungsfehde zur Folge, die in ihrer Pointiertheit, in der Bedeutung, die dabei dem Schottenstift beigemessen wurde, und in der offenen Sympathie, die dem scheidenden Abt aus den verschiedenen politischen Lagern entgegengebracht wurde, heute durchaus überraschen mag.1 Da bereits die Lektüre allein dieser Beiträge sehr spannend ist, seien im Folgenden – ohne dabei auf die darin zum Ausdruck gebrachten, teils widersprüchlichen Behauptungen oder auf die Umstände der Reform näher eingehen zu wollen – die interessantesten, spitzesten und kämpferischsten Kommentare in ihrem Wortlaut wiedergegeben.

Abt Amand Oppitz (1924).

Bereits am 11. April 1930 berichtete unter dem Titel „Rücktritt des Abtes des Wiener Schottenstiftes?“ als erste das liberale Neue Wiener Journal mit einem „Originalbericht“:

Gestern waren in Wien Gerüchte verbreitet, daß der Abt des Schottenstiftes Amand Oppitz von seiner Stelle zurück getreten sei. Als sein Nachfolger wurde der Spiritual des Stiftes Professor Dr. theol. Hermann Peichl, der Religionsprofessor am Schottengymnasium, genannt. Hiezu erfahren wir von gut unterrichteter Seite:

Seit längerer Zeit gehen vom römischen Ordenskapitel Bestrebungen aus, das Leben in den österreichischen Benediktinerabteien in strengere Form, nach Art der Beuroner Kongregation, zu leiten. Vor allem will man die beiden, nach dem Ordensgelübde bestehenden Verpflichtungen der Armut und des ständigen Tragens des Ordenskleides wieder aufleben lassen, die in Anpassung an die moderne Zeit und den Anforderungen, die sie an die, zumeist im Lehrfach stehenden Ordensmitglieder stellt, in Vergessenheit geraten sind. Um diese Reformbestrebungen zur Durchführung zu bringen, bereisten seit ungefähr zwei Jahren die delegierten Aebte Dr. Landesdorfer [sic!], der bekannte Bibelexeget, und Laurentius Zeller, der ehemalige Abt der Abtei Sekkau [sic!], die österreichische Ordensprovinz und überwachten die im Dekret vom Oktober 1926 postulierten Reformen. Da aber die Durchführungsart den römischen Behörden nicht streng genug gehandhabt schien, besuchten in den letzten Wochen neuerlich zwei Visitatoren das Schottenstift in Wien und es soll im Zusammenhang damit zur Resignierung des derzeitigen Abtes Amand Oppitz kommen.

Abt Oppitz, der seit dem Jahre 1913 dem Hause vorsteht, ist eine in der Wiener Gesellschaft viel gekannte und beliebte Persönlichkeit. Unter seiner Führung wurde die Ausgestaltung des Schottengymnasiums vorgenommen, so der Neubau des Turnsaales und der im selben Trakt für ein naturhistorisches und physikalisches Kabinett bestimmten Räumlichkeiten. Ihm ist es auch zu verdanken, daß das Schottenstift, dem wohl reicher Hausbesitz in Wien zur Verfügung steht, der aber völlig uneinträglich ist, die schweren Zeiten der Inflationskrise glücklich überstanden hat. Die Verhandlungen, die von seiten des Kapitels, des Wiener Ordinariats und des römischen Kollegiums zur Klärung der momentanen Lage geführt werden, dürften in Kürze zum Abschluß gelangen. Die Majorität der Stiftsangehörigen hofft, daß Abt Oppitz seine beabsichtigte Resignation nicht verwirklichen wird.2

Das katholisch-konservative Neuigkeits-Welt-Blatt relativierte dies jedoch noch am folgenden Tag:

Im Zusammenhang mit der Visitation des Wiener Schottenstiftes, das das Präsesstift aller österreichischen Benediktinerklöster ist, wurden Gerüchte laut, daß der Abt des Schottenstiftes P. Amand Oppitz zurückgetreten sei. Auch sein Nachfolger wurde schon genannt. Hiezu erfahren wir aus dem Schottenstift, daß dieses Gerücht jeder Grundlage entbehrt und Abt Oppitz nie die Absicht geäußert hat, zu resignieren.3

In den danach folgenden Tagen der Karwoche wurde es kurzzeitig wieder still um die Angelegenheit, doch am Ostersonntag, dem 20. April 1930, verkündete die konservative Reichspost recht lapidar:

Ein Abtkoadjutor im Wiener Schottenstift. Der Abt des Wiener Schottenstiftes Prälat Dr. Amand Opitz [sic!] hat mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand in Rom um einen Koadjutor angesucht. Der Heilige Stuhl hat diesem Wunsche willfahren und P. Hermann Peichl zum Abtkoadjutor bestellt.4

Eine erste ausführliche Einordnung der Geschehnisse brachte am 22. April 1930 ausgerechnet das deutschliberale Neue Wiener Tagblatt auf seiner Titelseite:

Der Abt des Schottenstiftes auf der Freyung Amand Oppitz ist in Rom in Ungnade gefallen und seines Amtes enthoben worden. Ein Koadjutor wird ihm beigegeben und wird die Geschäfte seines Amtes besorgen. Entfernt von der langjährigen Stätte seines Wirkens, dem Schottenhof, wird Oppitz in einem Zimmer bei den Barmherzigen Brüdern in Hütteldorf ohne Amt, aber in Würden seine Tage verbringen, offiziell auch weiterhin der Abt, der Prälat der Schotten, in Wirklichkeit ein Pensionist, ein in den Ruhestand Versetzter.

In ganz Oesterreich sind die Schotten die populärste Abtei, und seit langem erzählt man sich in den eingeweihten Kreisen von dem Fall Oppitz. Es ist ein Fall, der weit über das Schicksal eines einzelnen hinausgeht. Seit mehr als tausend Jahren besteht der Orden der Benediktiner, der sich seit jeher um die deutschen Länder, besonders in Oesterreich, große Verdienste erwarb. Was er in Wissenschaft und Unterricht leistete, ist unvergeßlich. In Oesterreich schuf er sich einen hervorragenden Wirkungskreis, indem er Mittelschulen errichtete und leitete, die den Ruhm erwarben und dauernd behielten, die besten ihrer Art zu sein. Fern von übertriebener Askese, begünstigt durch eine milde klösterliche Zucht, haben die Jünger dieses Ordens ihre Pflichten übernommen und durchgeführt, in Güte und voller Menschlichkeit ihrem Gotte und der Mitwelt dienend. Und vielleicht vermochten sie eines ihrer wichtigsten Aemter, das der Jugenderziehung, nur deshalb so gut zu erfüllen, weil ihr Mönchtum sie nicht in Klosterzellen versperrt hielt, sondern ihnen gestattete, die Geselligkeit der übrigen Welt aufzusuchen und in jenem Maße an ihr teilzunehmen, das völlig in Uebereinstimmung mit ihrem geistlichen Beruf war. Die Benediktiner, in Wien also die Schotten, waren stets auch Zierden der besten Wiener Gesellschaft, der offiziellen Empfänge und mancher privaten Kreise, mit denen sie durch wissenschaftliche und künstlerische Bestrebungen und Gefühle der edelsten Freundschaft verbunden waren. Als ihr Führer war in diesen Wiener Kreisen, deren Mittelpunkt fürs ganze Land das Schottengymnasium bleibt, Pater Amand Oppitz, der Abt der Schotten, geschätzt, geehrt und geliebt, ein feiner, bescheidener, gütiger Mensch, ein wahrer Diener Gottes. Unzählige lernten ihn in den vielen Jahren, während deren er auf der Freyung Amt und Wohnsitz hatte, kennen; sie alle wissen und können bezeugen, was er war, mit wie prächtigem Takt, wie feinfühlig er sein Amt verwaltet hat.

Und nun zieht er, der auf Lebenszeit zum Abt Gewählte, sich „aus Gesundheitsrücksichten“ zurück und überläßt einem Koadjutor sein Amt. Man sagt, er sei für nicht geeignet befunden worden, jene Reformen durchzuführen, die man in Rom für notwendig erachtet und die sich zunächst auf die Jugend, das heißt die Jugend unter den Klerikern, beziehen. Diese Reformen haben, so erfährt man, zwei Punkte zum Inhalt: den Angehörigen des Stiftes soll jeder Geldbesitz untersagt und ein Verlassen des Stiftes nur im Habit gestattet sein. Es ist selbstverständlich, daß auch bis jetzt die Schottengeistlichen nicht über irgendwie wesentliche Geldsummen verfügten. Aber man gestattete bisher wenigstens auch den jungen Klerikern den Besitz eines kleinen Betrages, den man in andern Kreisen als Taschengeld bezeichnet. Es sei nur erwähnt, daß ein im Schottengymnasium lehrender Professor im Halbjahr dreihundert Schilling bezieht, also einen Betrag, der wirklich nur hinreicht, Tramwayfahrten sich zu gestatten, Rauchbedürfnisse im bescheidensten Umfang zu befriedigen und andere derartige Ausgaben zu bestreiten. Was das Tragen des Habits betrifft, so pflegten bisher die Geistlichen dieses Stiftes, wenn sie Besuche machten, einen schwarzen Anzug zu tragen, der durch Kragen und Halsbinde als Rock des Priesters gekennzeichnet war. Die beiden beabsichtigten Maßnahmen wollen zwischen den Stiftgeistlichen und der profanen Welt eine deutlichere Schranke aufrichten, die Beziehungen der Kleriker zur Außenwelt empfindlich einschränken. Es könnte den Eindruck erwecken, als ob beabsichtigt wäre, in dem Maße, in dem die Verbundenheit mit der übrigen Welt abnimmt, einen „neuen Geist“ in diesen Stiften erstehen zu lassen.

Der neue Geist … Man weiß, wie solche Reformbestrebungen zustande kommen. Irgendwer unter den Jüngern ist von Ehrgeiz geplagt, vielleicht auch von einem frommen Eifer, den er nicht zügeln kann. Nun spricht und schreibt er unablässig von der Notwendigkeit von Reformen und weist dann vielleicht auch auf einen Umstand hin, der gerade in Wien deutlich zutage tritt: das ist die Bewegung, die den Abfall von der katholischen Kirche zum Ziel hat. Natürlich ist man längst in Rom darauf aufmerksam geworden, und vielleicht glaubt man, diese Bewegung bekämpfen zu können, indem man Reformen in der Geistlichkeit einführt. Der Fall Amand Oppitz wäre nur ein Anfang. Aber wenn diese Voraussetzungen zutreffen, dann ist man diesmal nicht wohl beraten. Dinge wie die Maßregelung eines hochverdienten, allgemein beliebten Abtes sind keine zweckmäßigen Gesundungsmaßnahmen. Der Ruf unsrer Zeit verlangt jene Verbundenheit des Klerus mit der Bevölkerung, die gerade bei den Schotten in mustergültiger Weise gegeben war. Wer in der vergangenen Karwoche Wiens Bevölkerung zu den heiligen Gräbern, zu den Feiern der Auferstehung wandern sah, konnte feststellen, wie tief der Glaube in der Mehrheit des Volkes wurzelt. Ranke, der doch die Geschichte der Päpste kennt, sagt, daß es zur Würde der Päpste gehört, etwas Großes zu wollen, etwas Großes zu vollführen. Etwas Großes ist es auch, daß ein Unrecht, das jemand geschehen, wieder gutgemacht werde.5

Am 23. April 1930 wurde das Thema schließlich doch noch auf breiter Front aufgegriffen. Das Neue Wiener Journal verwies unter abermaliger Kennzeichnung als „Originalbericht“ recht sachlich, aber nicht ohne Genugtuung auf die eigene frühe Berichterstattung:

Wie das „Neue Wiener Journal“ bereits am 11. d. M. als einziges Blatt zu berichten in der Lage war, tritt in der Leitung des bekannten Wiener Schottenstiftes ein Wechsel ein. Dem Pater Amand Oppitz, der in seiner Eigenschaft als Abt des Wiener Schottenstiftes auch Präses der österreichischen Benediktinerkongregation war, wurde vom Heiligen Stuhl ein Koadjutor beigegeben. Der von seinem Amte scheidende Abt wird bereits in der nächsten Zeit zu den Barmherzigen Brüdern nach Hütteldorf übersiedeln und künftighin mit der Leitung des Wiener Stiftes nichts mehr zu tun haben. Als Abt-Koadjutor wurde, wie vom „Neuen Wiener Journal“ ebenfalls bereits angekündigt, der Religionsprofessor des Schottengymnasiums Dr. Hermann Peichl bestellt. […].6

Die großbürgerlich-liberale Neue Freie Presse war bemüht, Sorgen um mögliche Konsequenzen für das Schottengymnasium zu begegnen:

Die Bestellung eines Koadjutors für den Abt des Wiener Schottenstiftes Dr. Amand Oppitz bedeutet, daß dieser nominell wohl seine Würde behält, in Wirklichkeit aber auf jede Funktion verzichtet. Dr. Oppitz wird das Stift schon in den nächsten Tagen verlassen und zu den Barmherzigen Brüdern nach Hütteldorf übersiedeln.

Weiterbestand des Schottengymnasiums. Wie wir hiezu von informierter Seite erfahren, kommt hierin der Abschluß eines Prozesses zum Ausdruck, dessen Beginn Jahre zurückliegt. Es handelt sich da um eine prinzipielle Reformierung des gesamten Benediktinerordens. Im Jahre 1924 hat ein päpstliches Dekret diese Reform anbefohlen, die sich zum Teil auf die Heranbildunig und das Verhalten der Kleriker, also des geistlichen Nachwuchses, bezieht, in der Hauptsache jedoch eine Umgestaltung des Ordens in Oesterreich in einer Art, wie sie in den deutschen Klöstern bereits vollzogen ist, vorsieht. Die Ordensaufgabe soll künftig die möglichst weihevolle Formung des Gottesdienstes sein und sonst nichts. Den einzelnen Mitgliedern soll eventuell eine wissenschaftliche Betätigung freistehen, doch die Aufgabe des Ordens als solche wäre mit der Pflege eines möglichst feierlichen Gottesdienstes erschöpft. Schultätigkeit und Seelsorge aber sollen ausgeschaltet sein.

Die Praxis hat allerdings seither gezeigt, daß gerade die prinzipiell wichtigsten Reformen nicht gut durchwegs ausgeführt werden können. So hat der Orden erst vor kurzem sogar, vor zwei Jahren, in Seckau ein Gymnasium errichtet. Da beispielsweise Kremsmünster 30 Pfarren, die Wiener Schotten 18 Pfarren, Melk gleichfalls eine sehr bedeutende Zahl von Pfarren usw. unter sich haben und seelsorgerisch betreuen, ist der Gedanke, die Seelsorgetätigkeit einzustellen, bald fallengelassen worden. Aber auch an eine Ausschaltung der Lehrtätigkeit wird nicht gedacht werden. Der Weiterbestand des Schottengymnasiuins ist, wie uns versichert wird, nicht im geringsten in Frage gestellt.

Visitation der österreichischen Benediktinerstifte. Im Jahre 1928 erfolgte im Auftrage des päpstlichen Stuhles eine Visitation sämtlicher österreichischer Benediktinerstifte durch die deutschen Aebte Zeller (Trier) und Landesdorfer [sic!] (Scheier [sic!] in Bayern). Die Visitation geschah sehr gründlich, ging sehr langsam vor sich und wurde für das Wiener Schottenstift erst im November jenes Jahres durchgeführt. Diese Visitation hat sich erst jetzt ausgewirkt. Vor etwa vierzehn Tagen waren die beiden Visitatoren neuerlich im Schottenstift, worauf sich der eine von ihnen direkt nach Rom begab. Alsbald hat Abt Oppitz auf Wunsch Roms um seine Enthebung beziehungsweise um die Beistellung eines Koadjutors ersucht.

Es könnte den Eindruck erwecken, als würde diese Maßnahme in etwaigen Widerständen ihr Motiv haben, die Oppitz jenen Reformen entgegengesetzt hätte. Abt Oppitz war jedoch jederzeit bereit, die befohlenen Reformen durchzuführen, und allgemein herrscht im Ordenskapitel die Ansicht, daß ihm diese Durchführung auch voll gelungen wäre. Dennoch hat man an der maßgebenden Stelle, beeinflußt von gewissen inoffiziellen Berichten, der Befürchtung Raum gegeben, daß Oppitz zu schwach sein könnte, um diese Reformen durchzuführen, und hat schließlich, obwohl eine autonome Wahl des Abtes durch die Mitglieder des Kapitels vorgesehen ist, in der Absicht, die Aufgabe einer starken Hand zu übertragen, den Religionslehrer des Schottengymnasiums P. Hermann Peichl zum Abt-Koadjutor cum jure successionis bestellt.

Der Abt-Koadjutor Pater Peichl. Pater Peichl gilt als sehr energisch, ist jedoch bei der Jugend nicht unbeliebt. Er hat von vornherein die neue strengere Ordnung, die dem Orden auferlegt werden soll, bedingungslos gebilligt, jedoch keinerlei Schritte gegen Oppitz unternommen. Die ganze Aktion richtet sich auch nach dem Eindruck eingeweihter Kreise nicht so sehr gegen die Person des Abtes Dr. Oppitz, sondern vielmehr gegen ihn als Exponenten und Repräsentanten der bis jetzt herrschenden Ordnung des Stiftes, an deren Stelle im Geiste der anbefohlenen Reformen eine neue, mehr mönchische treten soll. […].

Die Persönlichkeit des Abtes Oppitz. Abt Dr. Amand Oppitz, der gegenwärtig im 61. Lebensjahre steht, ist in Eferding bei Linz geboren. Seit Jahrzehnten stand er als Abt an der Spitze des Stiftes, das seinem Wirken viel verdankt. So hat er beispielsweise für das Gymnasium den Bau einer neuen Turnhalle ermöglicht, hat das Stift durch die Krisen der Kriegs- und der Nachkriegszeit, wo es oft genug sogar an Lebensmitteln mangelte, mit sicherer Hand geführt, und es gibt im Stift keinen Kapitularen, der in Abt Oppitz nicht einen gütigen, wahrhaft väterlichen Führer gesehen hätte. Abt Oppitz war auch in den Kreisen der Wiener Gesellschaft eine sehr gern und oft gesehene Erscheinung. In seiner ganzen Erscheinung war der Geist verkörpert, der für das Schottenstift so spezifisch und bezeichnend ist. Wäre das Schottenstift nämlich ein ausgesprochen mönchisches, weltfremdes Institut gewesen und nicht vielmehr ein dem Leben und der Welt zugewendeter wissenschaftlicher Faktor, dann hätte es niemals diese große Rolle im österreichischen Geistesleben spielen können. Eben dafür war das Wirken Dr. Oppitz’ als Abt des Stiftes so ungemein fördernd.7

Auch am folgenden Tag war das Gymnasium der Neuen Freien Presse noch einen Kommentar mit dem Titel „Die Schotten als Erzieher“ wert, in dem abermals auf Oppitz eingegangen wurde:

Abt Amand Oppitz scheidet aus seinem Amt und übersiedelt zu den Barmherzigen Brüdern nach Hütteldorf. Mit Wehmut sieht die Oeffentlichkeit diesen vornehmen Menschen und vorbildlichen Priester seinen Wirkungskreis verlassen, und das Bedauern wird nur dadurch gemildert, daß ja Abt Oppitz, durch tausend geistige Fäden mit Wien verbunden, auch weiterhin in Wien bleibt und bei seiner Arbeitsfreudigkeit – er ist ja erst vierundsechzig Jahre alt – gewiß auch bei den Barmherzigen Brüdern viel wertvolle und segensreiche Arbeit leisten wird. Pater Oppitz ist die liebenswürdigste Verkörperung jener erlesenen benediktinischen Kultur, deren Aroma dem Schottenstift und dem Schottengymnasium so köstlich anhaftet. Baron Alfred Berger, ein ehemaliger Schottengymnasiast, schrieb einmal, er fühle sich in Kirche, Kloster und Schule der Schotten immer ein wenig von dem Lüftlein der Ekkehardpoesie angeweht, die allen deutschen Benediktinerklöstern eigen ist. Von altersher wirkten die Benediktiner als Lehrer, Erzieher und Kulturbringer. Darum drängte sich dem jungen Schottengymnasiasten Alfred v. Berger unwillkürlich die Empfindung auf, er empfinge das Latein und Griechisch, das er bei den Schotten lerne, nicht aus zweiter oder eigentlich aus hundertster Hand, wie an einem weltlichen Gymnasium – sondern unmittelbar aus uralten Handschriften, die von den Vorgängern der gegenwärtigen Professoren nach den geretteten Originalen kopiert worden sein mochten. Lehrer, Erzieher und Kulturbringer: das alles war Abt Oppitz im vollsten und schönsten Sinne dieser Worte. Er setzte die edle Tradition jener Benediktiner fort, die in Zeiten der Verwilderung und Barbarei das Volk mit Gartenpflege, Weinbau und sonstigen friedlichen Künsten vertraut machten und den Funken antiker Wissenschaft und Kultur, der schon fast zu ersticken drohte, zu hellem Lichte entfachten. Generationen von Schülern, für die das Schottengymnasium eine wahre Bildungsstätte bedeutet hat, bewahren Abt Oppitz ein dankbares und liebevolles Andenken. Daß ihnen das Stift und sein Gymnasium in glücklicher Schulzeit lieb geworden ist wie ein zweites Elternhaus, ist nicht zuletzt das Verdienst des Abtes Oppitz, der ein wahrer Priester und Freund der Jugend ist. Um sich von der kulturgesättigten Atmosphäre des Schottengymnasiums eine anschauliche Vorstellung zu machen, braucht man sich nur zu vergegenwärtigen, wie viele ehemalige Schüler dieser Anstalt im späteren Leben zum Glanz und Ruhme Oesterreichs beigetragen haben. Und um den Geist edler Duldsamkeit würdigen zu können, der im Schottengymnasium herrscht, muß man sich nur daran erinnern, daß ehemalige Schottengymnasiasten in den verschiedensten geistigen Lagern zu finden sind. Exkaiser Karl und Viktor Adler – beide waren Schottengymnasiasten. Der Historiker Heinrich Friedjung, der Hygieniker Max Gruber, Hofrat Hans Chiari, Baron Josef Doblhoff, Engelbert Pernerstorfer – lauter ehemalige Schottengymnasiasten. Und diese Liste berühmter Namen, die sich noch lange fortsetzen ließe, ist ein Beweis dafür, daß sich im Schottengymnasium die vielfältigsten Begabungen und Gesinnungen frei entfalten konnten – im Lichte jener Duldsamkeit, die gleichbedeutend mit Humanität ist. Abt Oppitz ist einer dar edelsten Vertreter dieses Humanitätsgedankens.8

Das deutschnationale Salzburger Volksblatt nannte im Gegensatz zu anderen Zeitungen die Absetzung beim Namen und widmete sich auch der kulturellen Tätigkeiten im Schottenstift unter Oppitz:

[…] Die Beistellung eines Koadjutors mit dem Rechte der Nachfolge bedeutet nichts anderes als die Absetzung des bisherigen Abtes und nach kirchlichen Gesetzen muß der abgesetzte Abt sofort das Stift verlassen und sein Amt dem Koadjutor übergeben. In eingeweihten Kreisen will man wissen, daß die Maßregelung Dr. Opitz [sic!], nebst seiner anerkannten liberalen Gesinnung auch mit seinen Sympathien für freie Kunst zusammenhängt. Die Unterstützung, die Dr. Opitz jeder Art von Kunst angedeihen ließ, vor allem sein Protektorat über die Schottenspiele, die Beschickung der erst kürzlich in Wien stattgefundenen vlämischen Ausstellung mit Bildern aus der Galerie des Schottenstiftes und anderes mehr, sollen Dr. Opitz die Ungnade der höchsten kirchlichen Instanzen zugezogen haben. Von besonderem Interesse ist auch der Umstand, daß mit dieser Nominierung, die von Rom aus erfolgt ist, das alte Wahlrecht des Schottenstiftes kassiert erscheint. Man glaubt, daß im Sinne dieser Tendenzen noch weitere Personalveränderungen im Schottenstift Platz greifen werden. Ein Wiener Mittagblatt meldet, daß auch das Melker Stift sehr bald die starke Hand Roms zu spüren bekommen wird. Auch dort erwartet man gewisse einschneidende Veränderungen, die die Rechte dieses alten Benediktinerstiftes wesentlich kürzen sollen.

Für die Absetzung des Schottenabtes Dr. Oppitz sollen in erster Linie zwei Gründe maßgebend gewesen sein. Man sagt, er sei nicht mehr für geeignet befunden worden, jene Reformen durchzuführen, die man in Rom für notwendig erachtet und die sich zunächst auf die Jugend unter den Klerikern beziehen. Diese Reformen haben zwei Punkte zum Inhalt. Den Angehörigen des Stiftes soll jeder Geldbesitz untersagt sein, ein Verlassen des Stiftes soll nur im geistlichen Habit gestattet sein. […] Es heißt, daß der Schottenabt keine große Geneigtheit gezeigt habe, diesen von radikaler kirchlicher Seite ausgehenden Forderungen Rechnung zu tragen.9

Die liberale Kleine Volks-Zeitung kommentierte unter dem Titel „Der gemaßregelte Abt“ direkt auf der Titelseite:

Die Maßregelung des Wiener Schottenabtes Amand Oppitz – denn nur als solche läßt sich seine Stellvertretung durch einen Koadjutor und seine Uebersiedlung in eine Klosterzelle bei den Barmherzigen zu Hütteldorf auffassen – erregt weit über die Grenzen des Stiftes und der kirchlichen Kreise Aufsehen und Bedauern. Wohl geht seit einiger Zeit ein strenger Zug durch die Kirche und macht sich in Maßregelungen gerade jenen Orden gegenüber kund, die, wie die Benediktiner, in innigerer Berührung mit den Gläubigen und mit dem Leben stehen, und auf welche dieser Kontakt nach der strengen Auffassung Roms etwas zu sehr abfärben soll. Doch gerade in Oesterreich hatte der altehrwürdige Orden, für den seit anderthalb Jahrtausenden Gläubigkeit und Menschlichkeit eins war, seine besondere Sendung. Er hat hierzulande im Schulwesen Unschätzbares und Unvergängliches geleistet, und meisterhaft ist es ihm gelungen, den Geist der Frömmigkeit aufrechtzuerhalten und dabei den Fortschritten nicht nur der Wissenschaften, sondern der schwersten und edelsten Wissenschaft, der Menschenerziehung, gerecht zu werden. Dem österreichischen Wesen war und ist diese Mischung wahrer Gläubigkeit mit verständnisvoller Duldsamkeit besonders angepaßt, und Abt Oppitz, in seiner persönlichen Anspruchslosigkeit und Milde, mit seinem offenen Sinn für das Edle, Schöne und Erhabene, war die richtige Verkörperung dieser menschlichen Auffassung des Dienstes am Seelischen. Der Glaube kam dabei sicherlich nicht zu kurz, im Gegenteil: Abt Oppitz hat gewiß keinen zum Abfall erzogen, und wenn sich in Oesterreich der geistige Fortschritt im allgemeinen noch immer willig mit dem Glauben verhält, so ist dies nicht zuletzt Dienern der Kirche, wie Abt Oppitz einer ist, zu verdanken. Auch die Kirche kann sich nicht ohne Schaden den Entwicklungen der Zeit verschließen, und in einer Zeit, die demokratisch ist, werden es die Gläubigen schmerzlich empfinden müssen, wenn man ihnen gegen ihren Willen einen geliebten und geschätzten geistlichen Leiter und Beistand wegnimmt. Abt Oppitz mußte gehen, so behauptet man, weil er nicht streng genug die jüngste römische Anweisung durchgeführt hätte, wonach die Ordensbrüder auf allen, also selbst den mindesten Geldbesitz, zu verzichten haben und sich auch in der Außenwelt nur im Ordenshabit zeigen dürfen. Unter den gegebenen Großstadtverhältnissen kommt dies einer Unterbindung des bescheidensten gesellschaftlichen Verkehres gleich, und es ist kaum zu erwarten, daß inmitten der Stürme der Neuzeit es dem Glauben und der Frömmigkeit nützlich sein wird, wenn die Orden und der Klerus zur Weltfremdheit erzogen werden.10

Dem linksliberalen Tag waren die Ereignisse gar zwei Artikel wert. Zum einen wurde eine Berichterstattung über „Die Hintergründe des Revirements“ gebracht:

Zum Rücktritt des Schottenabtes Oppitz schreibt die Korrespondenz Herzog auf Grund von Informationen aus maßgebender Quelle: Die Bestellung eines Abtkoadjutors für den in Wien allseits sehr beliebten und hochgeachteten Schottenabt P. Amand Oppitz hat in allen freiheitlich gesinnten Kreisen Aufsehen erregt, zumal das Alter des scheidenden Abtes – 61 Jahre – keineswegs ein solches ist, das ein Ruhebedürfnis begründen würde.

Auch der zweite Grund für das Ansuchen des Abtes Oppitz um Beistellung eines Koadjutors, die Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand, begegnet keinem Glauben, da sich jedermann von der Rüstigkeit des Abtes überzeugen kann.

In Kreisen, die dem scheidenden Abt nahestehen, wird auch kein Hehl daraus gemacht, daß schon vor längerer Zeit dem Abt nahegelegt wurde, um die Bestellung eines Koadjutors in Rom nachzusuchen, um so einer Maßregelung auf anderem Wege vorzubeugen. Abt Oppitz hatte das Schottenstift nach Ansicht einzelner kirchlicher radikalen Kreise zu liberal geleitet; sowohl das etwas ungebundene Leben der Schottengeistlichen als auch der Unterricht in den Lehranstalten war diesen Kreisen zu freiheitlich.

Abt Oppitz mußte sich dem Wink von Rom fügen und reichte sein Gesuch um Beistellung eines Abtkoadjutors ein, dem sofort stattgegeben wurde. Der von seinem Amt scheidende Abt übersiedelt bereits in der nächsten Zeit zu den Barmherzigen Brüdern nach Hütteldorf und wird mit der Leitung des Stiftes in Zukunft nichts mehr zu tun haben. […].11

In der Rubrik „Randbemerkungen“ rechnete ein mit „Lucian“ gezeichneter Kommentar mit den aus Rom gesandten Visitatoren ab:

Abt Amand Opitz vom Benediktinerkloster Zu unserer lieben Frau bei den Schotten hat gestern einen Koadjutor erhalten. Rom hat befohlen, daß sich der Prälat von der Führung seines Klosters zurückzieht, und eine jüngere Kraft soll eine strengere klösterliche Disziplin in der Abtei auf der Freyung herstellen.

Aus Gesundheitsrücksichten — so lautet die offizielle Lesart — übergibt Abt Amand die Leitung einem jungen Religionsprofessor, aber ganz Wien weiß, daß es andere Gründe sind, die zu dem Regimewechsel im Schottenkloster geführt haben.

Mit wachsender Besorgnis beobachtet man in Rom das gewaltige Ansteigen der Austrittsziffern, und die obersten Kirchenbehörden sind der Ansicht, daß das allzu freie Leben, das sich in den österreichischen Klöstern eingebürgert hat, gläubige Katholiken zum Austritt aus der Kirche bewegt. Vielleicht nehmen sich die Dinge, von Rom aus betrachtet, anders aus: wir in Österreich wissen, daß die Abfallsbewegung ganz andere Gründe hat.

Es ist richtig, Abt Amand hat viel für das berühmte Gymnasium der Schotten getan; er hat diese alte Schule reformiert. Er hat ein eigenes Gebäude errichtet, das den Turnsaal und die Räume für den Unterricht in den Naturwissenschaften enthält. Es ist sicherlich auch vorgekommen, daß Priester aus dem Schottenstift in gewöhnlicher Zivilkleidung Ausflüge in die Umgebung Wiens unternommen haben, und wahrscheinlich ist auch das Gerücht begründet, das davon wissen will, man habe den Luxus bei den Schotten so weit getrieben, daß jeder Professor am Gymnasium 50 Schilling im Monat Taschengeld aus der Klosterkasse zugewiesen erhielt.

Allein den von Rom aus nach Wien beorderten Revisoren ist es Vorbehalten geblieben, herauszufinden, daß all das die Schottenpriester in den Augen der Gläubigen herabsetzt und für ihr Amt weniger würdig erscheinen läßt. In Wirklichkeit war es nämlich gerade das große Verständnis, das die Mitglieder des Klosters zu den Schotten für die Sorgen und Schwächen der Laien übrig hatten, das sie in unserer Stadt auch in liberal denkenden Kreisen so überaus beliebt gemacht hat.

Es muß mehr als zweifelhaft erscheinen, ob die Reformen, die die vatikanischen Behörden diktieren, dazu beitragen werden, das Ansehen der Kirche im allgemeinen und der Wiener Priester im besonderen zu heben. Es ist vielmehr zu erwarten, daß die fremden, mit den Eigenarten unserer Bevölkerung nicht vertrauten Reformatoren eine neue Kluft aufreißen werden zwischen Volk und Kirche. Viele Zusammenhänge, die derzeit noch bestehen, werden gelöst werden, und die Abfallspropaganda wird, wie so oft in der letzten Zeit, von der Kirche selbst auf das Wirksamste gefördert. Wenn sich die katholische Kirche in Österreich nichts anderes vorzuwerfen hätte, als daß die Mitglieder eines ihrer Klöster in Zivilkleidung ausgehen und sich bescheidenen weltlichen Erholungen hingeben: die Abfallsbewegung wäre nie so groß geworden, als sie ist.12

Die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung würdigte Oppitz sogar in Kontrastierung zu Ignaz Seipel:

Wie viele Gläubige haben vermeint, der Vatikan werde dem Prälaten Seipel einen Wink geben, daß ihm eine Politik mißfalle, die viele Tausende aus der Kirche treibt! Aber der Klerikalismus, der sehr energisch gegen politisierende Geistliche einzuschreiten pflegt, wenn sie den herrschenden Klassen unangenehm werden, schätzt den mildelosen Prälaten weiter als seinen lieben Sohn. Die heilige Allianz der kapitalistischen Regierungen liegt ihm offenbar mehr am Herzen als die heiligen Lehren Christi. So hat man den Professor Ude mundtot gemacht, weil er so naiv ist, die Lehren der Religion für wichtiger zu halten als die christlichsozialen Parteiinteressen, wie sie Dr. Seipel versteht, und Ude, der bloß ein „Grazer Savonarola“ ist, hat sich gefügt. Nun erfährt man plötzlich, daß der Abt des Wiener Schottenstiftes, Pater Amand Oppitz, abgesägt worden ist. Er wurde aufgefordert, sich einen Koadjutor zu erbitten, was eben die Absetzung bedeutet. Sein Nachfolger ist auch schon bestellt und Pater Oppitz wird in den nächsten Tagen die Stätte seines langjährigen Wirkens verlassen. Pater Oppitz ist kein politisierender Priester, er hält keine Versammlungen ab und hat sich wenigstens öffentlich niemals in Widerspruch gegen Seipels Politik gesetzt. Aber er gilt als freigesinnter Mann, der die Ordensregel nicht strenger auslegt, als es nötig ist. Und was das Schlimmste zu sein scheint: er hat das Schottengymnasium nicht zu einer klerikalen Drillanstalt gemacht, sondern es in dem liberalen Geist geleitet, dem es seinen Ruhm verdankt. Einen solchen Mann kann der Klerikalismus offenbar nicht mehr ertragen. Man hat ihm den Religionsprofessor des Gymnasiums, Pater Hermann Peichl, zum Nachfolger gesetzt. Diese Maßregelung widerspricht auch der demokratischen Verfassung, deren sich der Benediktinerorden rühmt. Aber wie es scheint, hat auch der Vatikan die „wahre Demokratie“ des Faschismus, die Seipel so teuer ist, übernommen.13

Weitere Zeitungen, welche über die Ereignisse berichteten, dabei jedoch weitestgehend den Wortlaut hier bereits angeführter Artikel wiedergaben, waren etwa die liberale Linzer Tages-Post, die linke Salzburger Wacht sowie die liberalen Innsbrucker Nachrichten.14

Angesichts der zahlreichen liberalen Unmutsäußerungen sah die konservative Reichspost für sich die Notwendigkeit einer Erwiderung:

Die Benediktiner in Österreich. Ein Zeugnis aus liberalem Munde. In einem die Bestellung eines Koadjutors im Wiener Schottenstift und das hohe Ansehen seines Abtes Amand Oppitz würdigenden Leitartikel schreibt das „Neue Wiener Tagblatt“: „[…]“ Dieses Zeugnis für das segensreiche Wirken eines katholischen Ordens ehrt das liberale Blatt, von dem es ausgestellt wird. Wenn dagegen ein anderes Blatt („Die Stunde“) bei demselben Anlasse dem Schottenabt „liberale und fortschrittliche Anschauungen“ nachsagt, so ist dies nicht nur abwegig, sondern geradezu eine, wir nehmen an: ungewollte Unfreundlichkeit.15

Am folgenden Tag brachte die Reichspost zudem „von besonderer Seite“ eine relativierende Einordnung der Benediktinerreform bei gleichzeitiger durchaus wohlwollender Charakterisierung von Oppitz:

[…] In der gegenwärtig vom Heiligen Stuhl angestrebten Reform der österreichischen Benediktinerstifte handelt es sich lediglich um die Erneuerung der innerklösterlichen Disziplin, bei höchster Anerkennung für die Tätigkeit in Schule und Seelsorge. Diese innere Reform bezieht sich zunächst auf die monastische Erziehung der Ordensjugend, dann auf die „vita communis“, wodurch die Sorge in allen materiellen Fragen nicht dem einzelnen Mitglied überlassen bleibt, sondern restlos von der Leitung des Stiftes übernommen wird. Ferner wird das Tragen des Ordenskleides auch außerhalb des Klosters verlangt, wenn nicht außergewöhnliche wichtige Gründe eine Aenderung erlauben. Endlich soll die Feier der heiligen Liturgie im gemeinsamen täglichen Chorgebet besondere Pflege erhalten, getreu dem Grundsatz des hl. Benedikt: „Operi Dei nihil praeponatur“, „Dem Dienste Gottes soll nichts vorgezogen werden“.

Es sind also durchwegs benediktinische Prinzipien deren Beobachtung keineswegs die im Orden traditionelle Mitarbeit bei den sonstigen religiösen und kulturellen Aufgaben beeinträchtigen soll.

Die kirchenrechtliche Struktur des Ordens wird dadurch nicht berührt. Wenn sich der Heilige Stuhl in einzelnen Fällen die Ernennung eines Stiftsvorstehers vorbehält, so ist damit die grundsätzliche Aufhebung der freien Wahl im Orden selbstverständlich nicht gegeben.

Prälat Amand Oppitz, dem nun in P. Hermann Peichl ein Koadjutor bestellt wurde, steht seit 8. Oktober 1913 an der Spitze des Schottenstiftes. Seine gewinnende Liebenswürdigkeit hat ihm in weitesten Kreisen Liebe und Verehrung erworben. Hochgebildet auf literarischem Gebiet, beherrscht er das französische und englische Schrifttum wie das deutsche. Außerordentlich groß ist sein Interesse für die Kunst. Selbst ein Meister auf dem Klavier, unterstützte er die verschiedensten Bestrebungen auf dem Gebiet der bildenden und darstellenden Kunst. Unter seiner Aegide fanden die Klosterspiele im Schottenstift statt. Die Ausstellungen auf dem Gebiet der kirchlichen Kunst unterstützte er wirksam, die kunstgeschichtlichen Forschungen P. Weißenhofers förderte er nach Kräften. Seine besondere Sorge galt der alten Kulturstätte des Schottengymnasiums: ein Neubau, den er geschaffen hatte, mußte leider infolge der Ungunst der Zeiten vermietet werden. Trotz seines zurückgezogenen Lebens und bescheidenen Auftretens gewann er sich in der Oeffentlichkeit eine überaus angesehene Stellung. […] Nun wird Abt Oppitz bei den Barmherzigen Brüdern in Hütteldorf Wohnung nehmen.16

Auch das konservative Neuigkeits-Welt-Blatt meinte am 24. April 1930, die liberale Berichterstattung kritisieren und die Ereignisse in den Kontext der Reform stellen zu müssen, wobei im letzten Absatz durchaus auch eine gewisse Kritik an den bisherigen Zuständen im Kloster durchklingen mag:

[…] Die Bestellung eines Abt-Koadjutors cum jure successionis für den Abt des Wiener Schottenstiftes Prälat Dr. Amand Oppitz, der bereits in nächster Zeit zu den Barmherzigen Brüdern nach Hütteldorf übersiedeln wird, wird begreiflicherweise in der ganzen Wiener Oeffentlichkeit – sind doch „die Schotten“ einer der populärsten Orden in Wien – und daher auch in der Wiener Presse lebhaft erörtert, wobei allgemein der Verehrung für den gelehrten und klugen Abt Ausdruck gegeben wird, der in den schweren Nachkriegsjahren das Stift geleitet hat und der sich auch in den Kreisen der Wiener Gesellschaft der größten Wertschätzung erfreut. Es ist dabei freilich bemerkenswert, daß die Zeitungen, je weiter links sie stehen, desto größere Bedeutung diesem Ereignis beimessen, ja das freimaurerische Blatt „Der Tag“ geht dabei sogar so weit, zu erwägen, welchen Einfluß diese „Absetzung“ des Abtes auf die Abfallsbewegung in Wien haben wird! Man sieht dabei in der Bestellung des Koadjutors stets eine „Maßregelung“ des Abtes, von der natürlich keine Rede ist. Es zeigt sich eben wieder, wie wenig jene Leute, die in Wien öffentliche Meinung machen, von katholischen Dingen wissen und verstehen. Bekanntlich erfolgt die Bestellung des Koadjutors im Zuge einer Reform des Ordenslebens in den österreichischen Benediktinerklöstern. Solche Klöster-, Stifts- und Ordensreformen sind jedoch keine Neuerscheinung unserer Zeit. Ueber die Bedeutung solcher Ordensreformen erhalten wir von maßgebender Seite folgende Darstellung:

[…] Der Heilige Stuhl hat nun bereits im Jahr 1926 die Durchführung der Reform der österreichischen Benediktinerklöster angeordnet und zwei Delegaten mit der Visitation der Klöster betraut, deren Ergebnisse nun verschiedene Maßnahmen sind, die der breiteren Oeffentlichkeit oft unverständlich sind oder von ihr mißdeutet werden.

Zunächst muß festgestellt werden, daß eine Ordens- oder Klosterreform eine rein interne kirchliche Verfügung ist, deren Auswirkung lediglich die Angehörigen des Ordens oder Klosters betrifft. Diese Religiosen können nicht gezwungen werden, die Reform anzunehmen, sofern sie ihre feierliche Profeß zu jener Zeit ablegten, als die Erleichterungen in der Ordens regel bestanden haben.

Wenn nun Religiosen die Annahme der Reform ablehnen, so ist damit keineswegs ihr Austritt aus dem Orden oder Kloster verbunden.

Sie werden vielmehr alle in ein Kloster versetzt, in dem sie eben bis zu ihrem Tod nach den Erleichterungen der Ordensregel leben, oder sie werden zur pfarrlichen Seelsorge verwendet.

[…] So ist auch die Reform der österreichischen Benediktinerklöster zu verstehen und eventuelle Veränderungen innerhalb der einzelnen Klöster werden eben darauf zurückgehen, daß diese Priester die Annahme der Reform ablehnten, daher durch solche, die sie annehmen, ersetzt werden; die übrigen aber in den den Stiften inkorporierten Pfarren verwendet werden.

Bei diesem Anlaß ist es nicht uninteressant, zu erfahren, daß im Jahre 1927 der Novizenmeister des Wiener Schottenstiftes und vier Novizen aus dem Stift ausgetreten sind und im Stifte Seckau, Benediktiner nach der strengen Observanz, um Aufnahme ersuchten, die ihnen vom Abt dieses Stiftes, P. Dr. Benedikt Reetz, auch gewährt wurde.17

Gegen die vielfach anzutreffende Charakterisierung Oppitz’ als liberal wandte sich am 26. April 1930 auch ein unumwunden antisemitischer Leserbrief (gekennzeichnet „J.L.“) im konservativen Tiroler Anzeiger:

In den jüngsten Tagen waren die Veränderungen im Schottenstift ein Wiener Tagesgespräch. Es lohnt sich, darüber einige Reflexionen anzustellen. Das Schottenstift ist zweifellos eines der berühmtesten Benediktinerklöster […] Aus dem Gymnasium sind hervorragende Männer aller Parteirichtungen hervorgegangen. Gerne wird in diesem Zusamenhang auf Viktor Adler und Engelbert Pernerstorfer hingewiesen, beide führende Gründer der österreichischen Sozialdemokratie. Die Anhänglichkeit ehemaliger Schüler an die Anstalt ist sprichwörtlich. Die Schotten haben auch zumeist eine Lehrkanzel an der Universität inne, so gegenwärtig Dr. Anselm Weißenhofer als Dozent für kirchliche Kunst. In früheren Jahrzehnten war häufig der Kapitular des Stiftes auch im Gemeinderat. Die Aebte des Stiftes gehören zu den Spitzen nicht nur der geistlichen, sondern überhaupt der Wiener Gesellschaft.

Im öffentlichen Leben befleißen sich die Schotten ansonsten seit jeher einer gewissen vornehmen Zurückhaltung. Es liegt ihnen ferne, irgendwo propagandistisch aufzutreten. Sie wirken durch ihr bloßes Dasein und ihre Popularität in den höheren Schichten der Wiener Gesellschaft. Umso auffallender ist es, daß sie in den jüngsten Tagen zum Gegenstand des Stadtgespräches und einer ausgedehnten Zeitungsfehde geworden sind. Im Zuge einer Erneuerung benediktinischen Geistes in aller Welt kam auch das Schottenstift an die Reihe und es ist vollkommen begreiflich, daß der bisherige Abt des Stiftes, Amand Oppitz, der immerhin im vorgerückten Lebensalter steht, sich nicht stark genug fühlte, der Träger einer tiefen und mit Rücksicht auf die Großstadtverhältnisse vielleicht auch schwierigen Geisteserneuerung des Stiftes zu sein. Ein durch seine Güte und joviale Wiener Art allgemein bekannter und beliebter Prälat, sieht er sich jetzt in den Tagen seines Scheidens von einer großen Zahl von Freunden umgeben, die seine Resignation aufrichtig bedauern. Darüber hinaus haben sich aber auch andere „Freunde“ gemeldet, die immer in katholischer und selbst in den klerikalsten Angelegenheiten in ihrer durch vielerlei Sachunkenntnis bewährten Unverschämtheit das große Wort zu sprechen pflegen, wenn sie irgendwo auch nur die mindeste Wendung nach rechts entdeckt zu haben glauben. Das ist die gesamte Wiener Linkspresse aller Schattierungen. Es muß dazu bemerkt werden, daß in den ernsteren Organen dieser Richtung auch Aufsätze erschienen sind, denen man beachtenswerte Sachlichkeit, die nur aus gut informierter Quelle kommen kann, nicht entsprechen konnte. Es gibt ja eine Wiener Linkspresse, die auf Beziehungen nach rechts hält. Es hat allgemeines Erstaunen erweckt, daß eines dieser Organe als erstes die Nachricht von der Abtveränderung unter Angabe der richtigen Namen bringen konnte. Was aber gewisse radikale Linksorgane in diesen Tagen an unerwünschter Verteidigung der angeblichen „Traditionen“ des Schottenstiftes geleistet haben, das ist hebräische Unverschämtheit in unerträglichen Graden. Es wäre um das Wiener Schottenstift wahrhaft schlecht bestellt, wenn es wirklich ein Bollwerk jener „Toleranz“ wäre, die von diesen Blättern gemeint ist. Aber es steckt ja etwas ganz anderes dahinter. Der benediktinische Erneuerungsgeist unserer Zeit ist nur ein Teil einer allgemeinen Erneuerungsbewegung, die, wie die gleichen Blätter bei dieser Gelegenheit zugeben mußten, enttäuschtes Zurückfluten von den öden Gestaden des Materialismus ist. Wenn diese Blätter bei dieser Gelegenheit ihrer Sorge um ihr eigenes unbeanständetes Aufblühen Ausdruck geben wollten, so vermögen wir das zu verstehen. Aus vielen Anzeichen im Geistesleben Wiens sehen wir eine Zukunft heraufsteigen, in denen „Stunden“ und „Abende“ von heute keine Rolle mehr spielen werden. Man sagt, daß den Juden ein außerordentlicher Spürsinn eigen sei. Sie dürften sich diesmal nicht getäuscht haben.

Der neue Abt des Schottenstiftes, P. Hermann PeichI, bisher Religionsprofessor am Schotten-Gymnasium, ist uns Gewähr dafür, daß das Schottenstift unter seiner Führung eine Quelle der Geisteserneuerung, wie wir sie im Auge haben, sein wird. Die Verlagsanstalt Tyrolia kann sich freuen, in dem neuen Abt einen ihrer Autoren verehren zu dürfen. Sein im Vorjahr erschienenes Buch „Das Leben“ gibt Zeugnis von seinem Geist. Als Schulbuch gedacht, ist es ein Lebensbuch für alle Gottsucher geworden. Nicht nur Wien und ganz Oesterreich, ja die katholische Welt hat alle Ursache in das ad multos annos einzustimmen, das der benedizierende Bischof, Dr. Kamprath und die assistierenden Aebte von Klosterneuburg und Seitenstetten heute, Donnerstag, den 24. April in der Schottenkirche dem neuen Abt vor einer tausendköpfigen Menge zugerufen haben.18

Dass die Meinungsverschiedenheiten über Oppitz’ Schicksal offenbar nicht nur schriftlich ausgetragen wurden, deutet wiederum ein „Originalbericht“ des Neuen Wiener Journals über die Abtbenediktion Hermann Peichls an:

Die Wiener Bevölkerung hatte gestern Gelegenheit, der seltenen Feier einer Abtweihe beiwohnen zu können […] Den Besuchern fiel die starke polizeiliche Bewachung des Gotteshauses auf, eine Vorsichtsmaßnahme, die infolge verschiedener Gerüchte über geplante Demonstrationen gegen den neuen Abt respektive Ovationen für den aus seinem bisherigen Amte scheidenden Pater Amand Oppitz vorgenommen wurde. Die Vorsicht erwies sich jedoch als überflüssig und die imposante kirchliche Feier wurde in keiner Weise gestört. […].

Im Zusammenhang mit der erfolgten Veränderung in der Leitung des Wiener Schottenstiftes werden in der Öffentlichkeit vielfach unrichtige Nachrichten über zahlreiche bevorstehende Personalveränderungen in den österreichischen Benediktinerstiften verbreitet. Wie wir von bestinformierter Seite erfahren, handelt es sich hier keineswegs um irgendwelche „Strafmaßnahmen“, sondern um eine rein interne Maßnahme innerhalb einzelner Stifte. […].19

So schnell die Aufregung gekommen war, so schnell hatten die Zeitungen aber auch wieder neue Themen zum Echauffieren gefunden. In den folgenden Wochen begegnete die Angelegenheit nicht mehr direkt. Lediglich in einem Mitte Juni 1930 ausgerechnet in der Linzer Tages-Post publizierten reformkritischen Kommentar mit dem Titel „Auf falschem Weg“ – zugleich eine Ode auf die Benediktinergymnasien – taucht Oppitz’ Absetzung noch einmal auf:

Wir erhalten folgende Zuschrift: Kürzlich fand in Salzburg eine Beratung der Aebte der österreichischen Benediktinerstifte statt, der auch Vertreter ausländischer Benediktiner-Kongregationen beigezogen waren. Die Verhandlungen waren streng geheim und so hat die Oeffentlichkeit wenig davon erfahren. So viel ist doch durchgesickert, daß es sich bei dieser Konferenz nicht bloß um eine durchgreifende Aenderung des Ordenslebens in den Klöstern selbst handelte, sondern daß auch die Schulen und Erziehungsanstalten der österreichischen Benediktinerklöster eine durchgreifende Reform erfahren sollen.

Daß derartige Maßnahmen seit länger geplant werden, haben wir ja in der freiwillig und unfreiwilligen Abdankung des Schottenabtes Amand Oppitz gesehen. Und dabei mit Schmerz wahrgenommen, daß ein sicherlich untadeliger Priester und tüchtiger Abt weichen mußte, weil er an den erprobten Grundsätzen, die bisher für die Erziehung in Benediktinergymnasien galten, unweigerlich festhielt. Das scheint man in Rom nicht mehr zu goutieren und so müssen erprobte Aebte jüngeren Herren Platz machen, denen die bisher geübte Erziehungsmethode zu wenig radikal ist. Wenn es sich um Neuerungen im Ordensleben der Benediktiner handelte, wäre das eine Angelegenheit, die bloß die Beteiligten, also die Aebte und Stiftsmitglieder angeht. Anders wird jedoch die Sache, wenn auch die Erziehungsmaximen der Benediktinergymnasien betroffen werden. Hier hat die Oeffentlichkeit ein Recht und sogar die Pflicht, rechtzeitig zu warnen, denn die Eltern sind es, die ihr Kostbarstes, ihre Kinder, diesen Anstalten anvertraut haben. Schreiber dieser Zeilen hat – es sind fast drei Dezennien her – durch acht Jahre an einem Benediktinergymnasium studiert und kennt die Verhältnisse gründlich. Daher möge es ihm gestattet sein, die während der Studienjahre gemachten Erfahrungen mitzuteilen.

Das Schottengymnasium in Wien, sowie die Benediktinergymnasien in Melk, Seitenstetten, Kremsmünster u. a. standen seit jeher in dem Rufe „streng“ zu sein. Die geistlichen Professoren, von denen viele wegen ihrer hervorragenden Gelehrsamkeit Weltruf genossen, beherrschten ihr Fach gründlich und verlangten von den Schülern viel. Zum Studium Untaugliche wurden womöglich schon in den Unterklassen entfernt, was aber ins Obergymnasium und damit zur Reifeprüfung gelangte, war gutes Material. Gelehrte von Ruf, Zierden der Universitäten, hohe Staatsmänner und Richter, Kirchenfürsten und Geistliche, tüchtige Beamte sind in großer Zahl aus den österreichischen Benediktinergymnasien hervorgegangen. Sie haben den Platz, auf den sie gestellt wurden, mit Eifer und in Ehren ausgefüllt. Freilich auf Muckertum legten diese erprobten Erziehermönche wenig Wert, galten sie selbst doch als freisinnige Männer im guten Sinne des Wortes. Sie waren vor allem bedacht, nicht nur ihren Schülern gediegene Kenntnisse beizubringen, sondern sie auch zu aufrechten Charakteren heranzubilden. Es ließ beispielsweise die Professoren kalt, ob die Zöglinge der Marianischen Kongregation angehörten oder nicht. Jeder konnte das halten, wie er wollte, von Zwang, von einer direkten oder indirekten Nötigung war keine Rede. Kein Wunder, daß gerade das freiheitliche Wiener und österreichische Bürger- und Beamtentum seine Söhne mit Vorliebe den Benediktinergymnasien zur Erziehung anvertraute. Man wußte die Jugend in guten und obendrein wohlwollenden Händen. So verband die Gymnasien und Familiengenerationen ein langjähriges Band beiderseitigen Vertrauens und dort, wo der Großvater am Borne der Wissenschaft gesessen hatte, studierte sein Sohn und studierten auch die Enkel. Solche Beispiele ließen sich zu Hunderten anführen.

Mit diesem alterprobten liberalen System scheint man nun brechen zu wollen. Davor sei ernstlich gewarnt, und zwar aus vielen gewichtigen Gründen. Gerade unsere Zeit braucht charakterfeste Pflichtmenschen, wie sie Generationen aus den österreichischen Benediktinergymnasien hervorgegangen sind, nötiger denn je.

Mit einer Aenderung des bisher erprobten Erziehungssystems würden sich aber die Anstalten vor allem selbst ins Fleisch schneiden, denn es erscheint recht zweifelhaft, ob Väter, die aus diesen gut geleiteten Anstalten herausgegangen und zu tüchtigen Männern wurden, sich mit diesem Richtungswechsel einverstanden erklären und ihre Kinder weiterhin solchen Gymnasien anvertrauen würden. Schließlich steht es fest, daß der Systemwechsel bald genug einen Mangel an tüchtigen Lehrkräften zur Folge haben müßte. Gar mancher junge, ideal veranlagte Mann hat, obwohl ihm häufig genug eine weltliche, glänzende Karriere winkte, auf diese verzichtet und das Ordenskleid des hl. Benedikt gewählt. Einzig und allein, weil er wußte, daß ihm der Abt nach Absolvierung der theologischen Studien nichts in den Weg legen werde, wenn er sich auf die Professur vorbereiten wollte. Und daß er dann, befreit von allen materiellen Sorgen, sich ganz seiner Wissenschaft und der Erziehung der Heranwachsenden Jugend widmen werde können.

All das wird sich ändern, wenn die „Reform“ in Kraft treten sollte und man nur Ultramontane zum Lehramt zuläßt. Wir warnen rechtzeitig, der neue Weg ist sicherlich nicht der richtige, nicht für die Eltern, die Kinder und schließlich für die Benediktinergymnasien selbst.

Man halte am Bewährten fest! Religiöse Erziehung ohne jeglichen Zwang wie bisher. Denn gerade darin bestand und besteht die Größe und das Ansehen des Ordens St. Benedikts, daß sich seine Mitglieder stets von Intrigen, Politik und – den Höfen der Mächtigen fern gehalten haben. Es scheint, als ob man es darauf anlegte, diese gute, alte Tradition und damit auch den guten Ruf des Ordens aufs Spiel zu setzen.20

Im Jahr 1938 resignierte Abt Amand Oppitz freiwillig und kehrte zurück ins Schottenstift, wo er 1947 zurückgezogen verstarb. Sein Nachfolger Abt Hermann Peichl würdigte ihn in einem 1953 im ersten Jahresbericht des Schottengymnasiums nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Nachruf mit den Worten: „Wenn ihm nicht alles, was er in bester Absicht begonnen hatte, gelang, so mindert dies in keiner Weise den hohen Wert seiner Verdienste. […] Es ist eine Pflicht der Dankbarkeit, im Schottengymnasium das Andenken des verewigten Abtes Amand in Ehren zu halten.“21

  1. Erst in jüngster Zeit haben diese Ereignisse des Jahres 1930 eine eingehendere wissenschaftliche Aufarbeitung im Rahmen zweier Wiener Dissertationen erfahren. Jürgen Steinmair widmet sich in einem Kapitel seiner Arbeit zum Verhältnis des österreichischen Bundeskanzlers Ignaz Seipel zum Heiligen Stuhl am Rande auch der Rolle des Apostolischen Nuntius in Wien bei der Absetzung Oppitz’, wofür er sich erstmals auch der Quellen im Vatikanischen Apostolischen Archiv in Rom bedient. In Tassilo Lorenz’ Arbeit zu den Ordensvisitationen der 1920er- und 1930er-Jahre ist Oppitz, der als Abtpräses der österreichischen Benediktinerkongregation die 1924 von Rom angeordnete Reform der Benediktinerklöster zu überblicken hatte, wiederum fast omnipräsent. Beide Arbeiten bieten zahlreiche wertvolle neue Erkenntnisse zu den Geschehnissen, welche an dieser Stelle jedoch nicht weiter beleuchtet werden sollen. Jürgen Steinmair, Der Priesterpolitiker Ignaz Seipel und der Heilige Stuhl. Ein Konflikt der Loyalitäten? (ungedr. Dissertation Universität Wien 2012) 76–85; Tassilo Dominic Lorenz, Die Apostolischen General-Visitationen in den österreichischen Stiften der Benediktiner und Augustiner-Chorherren im Pontifikat Papst Pius’ XI. (1922–1939), in: Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg N.F. 23 (2019) 295–461, passim.
  2. Neues Wiener Journal Jg. 38 Nr. 13.071 (11.4.1930) 4 [online].
  3. Neuigkeits-Welt-Blatt Jg. 57 Nr. 86 (12.4.1930) 3 [online].
  4. Reichspost Jg. 37 Nr. 109 (20.4.1930) 29 [online].
  5. Neues Wiener Tagblatt Jg. 64 Nr. 110 (22.4.1930) 1f.
  6. Neues Wiener Journal Jg. 38 Nr. 13.082 (23.4.1930) 7 [online].
  7. Neue Freie Presse Nr. 23.566 (23.4.1930) 5 [online].
  8. Neue Freie Presse Nr. 23.567 (24.4.1930) 5 [online].
  9. Salzburger Volksblatt Jg. 60 Nr. 93 (23.4.1930) 3 [online].
  10. Kleine Volks-Zeitung Jg. 76 Nr. 111 (23.4.1930) 1 [online].
  11. Der Tag Jg. 9 Nr. 2578 (23.4.1930) 4 [online].
  12. Ebda. 3 [online].
  13. Arbeiter-Zeitung Jg. 43 Nr. 111 (23.4.1930) 2 [online].
  14. Tages-Post Jg. 66 Nr. 95 (23.4.1930) 4 [online]; Salzburger Wacht Jg. 32 Nr. 94 (24.4.1930) 2 [online]; Innsbrucker Nachrichten Jg. 77 Nr. 94 (24.4.1930) 1f. [online].
  15. Reichspost Jg. 37 Nr. 111 (23.4.1930) 7 [online]. Die Stunde war die Abendausgabe vom Tag; für diesen Beitrag konnte die zitierte Ausgabe leider nicht eingesehen werden.
  16. Reichspost Jg. 37 Nr. 112 (24.4.1930) 9 [online].
  17. Neuigkeits-Welt-Blatt Jg. 57 Nr. 95 (24.4.1930) 3 [online]. Der genannte Novizenmeister war P. Carl Jellouschek, später Rektor der Universität Wien, der jedoch nicht in Seckau blieb, sondern schließlich nach Seitenstetten übertrat.
  18. Tiroler Anzeiger Jg. 23 Nr. 96 (26.4.1930) 5 [online].
  19. Neues Wiener Journal Jg. 38 Nr. 13.084 (25.4.1930) 4 [online].
  20. Tages-Post Jg. 66 Nr. 137 (14.6.1930) 5 [online].
  21. Hermann Peichl, Abt Amand Oppitz, in: 132. Jahresbericht des Schottengymnasiums in Wien. Ausgegeben am Schlusse des Schuljahres 1952/53 (Wien 1953) 78f.

Reingelesen: Schulprogramme des Stargarder Gymnasiums

Gymnasialbibliotheken und -archive -

′Reingelesen in die Schulprogramme  des Stargarder Gymnasiums 1914 und 1915 hat sich das Blog Pommerscher Greif e.V.:

[…] Die Jahrgänge der Kriegsjahre 1914 und 1915 des Stargarder enthalten auch Lebensläufe und Todesumstände von gefallenen Lehrern und Schülern. Auch Ehemalige werden aufgeführt.

Die Digitalisate, veröffentlicht in der Kujavisch-Pommerschen Digitalen Bibliothek, sind beim  Pommerschen Greifen verlinkt.

 

Das Zeitalter der Aufklärung – auch am Bielefelder Gymnasium? Gotthilf August Hoffmann und die Gründung der Bibliothek im heutigen Ratsgymnasium Bielefeld

Gymnasialbibliotheken und -archive -

„…ich würde keine weitere Ehre dabey für mich verlangen, als daß man einmal von mir sagen könnte, vor hundert Jahren sey hier ein Rector gewesen, der sey auf den glüklichen Einfall gerathen, eine Bibliothek an die Schule zu bringen“.

Diesen aus dem Jahre 1753 stammenden „glüklichen Einfall“1 des damaligen Rektors des Bielefelder Gymnasiums, Gotthilf August Hoffmann (1720-1769), möchte ich als mit der Leitung der noch immer bestehenden Bibliothek beauftragte Lehrkraft zum Anlass nehmen, um an seinen Geburtstag vor 300 Jahren zu erinnern.

Da es den Rahmen dieses Artikels gesprengt hätte, Archivbestände seiner unterschiedlichen Wirkungsstätten heranzuziehen, wird der Fokus auf das größtenteils in seinen eigenen publizierten Texten zum Ausdruck kommende (Selbst-)Verständnis des damaligen Rektors im Kontext der Wissens- und Bildungsvorstellungen der Aufklärung gelegt. Nach einem kurzen Blick auf Hoffmanns Sozialisation und weltanschauliche Prägung in Halle an der Saale (Kap. 1) und seinen beruflichen Werdegang in Westfalen (Kap. II) fokussiert der Artikel daher die Gründung der Bielefelder Schulbibliothek im Kontext der Aufklärung sowie seines Bildungs- und Selbstverständnisses (Kap. III), um sie abschließend in ihrer heutigen Bedeutung zu beurteilen (Kap. IV).

I Das Licht der Welt – Halle an der Saale

Gotthilf August Hoffmann erblickte am 21. September 17202 in Glaucha bei Halle als Sohn von Barbara Helene und Johann Georg Hoffmann, dem Rektor und Inspektor aller deutschen Schulen beim Halleschen Waisenhaus, das Licht der Welt. Von seinem Taufpaten, August Hermann Francke, dem Gründer und Leiter der Glauchaschen Anstalten (heute Franckesche Stiftungen), erhielt er seinen zweiten Vornamen.3

Hoffmanns Sozialisation und Lebenslauf blieben die nächsten 28 Jahre eng mit Halle an der Saale verbunden, sodass die dortigen Strömungen des Pietismus‘ und der Aufklärungsphilosophie ihn geistig-weltanschaulich maßgeblich geprägt haben.4 Deutlich wird dies zunächst an seinem Wechsel von der deutschen Schule in Glaucha zur Latina der Anstalten. Diese dürften nicht zuletzt auch seine Vorliebe zu Büchern und Bibliotheken maßgeblich beeinflusst haben, übertraf die Bibliothek der Anstalten im Jahre 1721 doch mit 18.000 Bänden den Bestand der Universitätsbibliothek Halle.5

Abb. 1 Christian Wolff (Elementa Matheseos Universæ. Tomus I. … Autore Christiano Wolfio, editio novissima. Halle und Magdeburg 1742) (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek G 90)

Einflussreich für Hoffmanns philosophische Weltanschauung war darüber hinaus auch der Besuch der dortigen Universität, die als ein „Experimentierfeld preußischer Religionspolitik“6 zugleich mit Christian Wolff (s. Abb. 1) ein Zentrum der Frühaufklärung in Deutschland bildete.7

Für Hoffmanns Studienzeit und beruflichen Werdegang weit wichtiger als Wolff selbst – der 1723 seines Amtes enthoben und aus Halle verbannt worden war – sollte sich dessen Schüler, der Theologe Siegmund Jakob Baumgarten erweisen, der den 1738 immatrikulierten, noch keine 18 Jahre jungen Theologiestudenten Hoffmann an der Universität betreute. Nach dem Studium kehrte Hoffmann 1740 als Lehrer ans Gymnasium des Waisenhauses zurück. Im Dezember 1744 nahm er für zwei Jahre die Aufgabe des Inspektors der königlichen Freitische zur Beaufsichtigung und Anleitung der betreffenden Theologiestudenten an.8

Baumgarten empfahl ihn schließlich auch dem Archigymnasium (heute Stadtgymnasium) in Dortmund, wo er von 1748 bis 1750 als Prorektor und Professor der schönen Wissenschaften wirkte. Nach seinem Bielefelder Rektorat (1750-1758) kehrte er als Prorektor nach Dortmund zurück, wo er zusätzlich eine Pfarrstelle an der Marienkirche annahm und 1769, keine fünfzig Jahre alt, verstarb.9

II Die Finsternis – Westfalen

Die Gründung der Bielefelder Schulbibliothek lässt sich nicht allein aus Hoffmanns Hallescher Prägung durch Pietismus und Aufklärungsphilosophie erklären, sondern speist sich vielmehr auch aus den Gegensätzen, die er zwischen seiner Heimat Halle an der Saale und seiner Wahlheimat Westfalen zu erkennen meinte.

Bereits als Prorektor in Dortmund hatte der umtriebige Hoffmann versucht, u.a. mittels des eigens gegründeten literarhistorischen Seminars und Flugschriften „Dortmund und Westfalen aus der Lethargie des 18. Jahrhunderts aufzuwecken“10. Westfalen mangele es nämlich nicht nur an Universitäten, sondern Hoffmanns Einschätzung nach überhaupt an Schulen und in den sogenannten schönen Wissenschaften bewandten Männern. Kurz: Es gebe dort keine angemessenen Gelegenheiten, sich schulisch oder akademisch zu bilden. Aus seiner Sicht strebten die Studenten nämlich zwecks frühen Gelderwerbs zu schnell dem Abschluss entgegen, seien demzufolge später als Lehrer zu wenig wissenschaftlich vorgebildet und ohne hinreichende Kenntnis in allen Fächern.11 Die westfälischen Lehrer seien schlichtweg „Pedanten und hätten keinen Geschmack“12.

Nachdem Hoffmann Dortmund nach nur zwei Jahren als Prorektor verlassen hatte, um 1750 das renommiertere Rektorenamt am Bielefelder Gymnasiums anzunehmen,13 stellte Bielefeld und überhaupt ganz Westfalen für Hoffmann zunächst eine einzige bibliothekarische Enttäuschung dar, wie er den Bielefeldern 1753 unverhohlen kundtat: „In Westphalen sind mir keine Schulen bekant, welche mit Bibliotheken versehen wären, die wenigstens was zu bedeuten hätten.“14 Allein in Herford und Osnabrück sah er „nur ein Anfang dazu gemacht“; auch Buchläden konnte er außer in Lemgo und Duisburg nirgends finden, „ein wichtiger Umstand, warum“, seiner Meinung nach, „die Gelehrsamkeit in Westphalen so nicht, wie anderwärts, blühet“15.

Es kann hier nicht darum gehen, Hoffmanns Urteile über die einzelnen Städten zu überprüfen; wichtiger erscheint für die (Be-)Gründung der Bielefelder Schulbibliothek, dass mentalitätsgeschichtlich Hoffmanns abwertende Äußerungen einem vielfach negativen und stereotypen Westfalenbild des 18. Jahrhunderts entsprachen. So hatte es zu seiner Zeit schon „förmlich Tradition, daß aus Westfalen nichts Gutes kommen könne“16. Dabei schildern beispielsweise zeitgenössische Reisebeschreibungen zumeist recht oberflächlich und knapp die vermeintliche äußere Lebensart der Westfalen. Ungeachtet der durchaus vorkommenden positiven Urteile über Westfalen und dem ambivalenten Verhältnis zwischen dem preußischen Staat und den westfälischen Untertanen,17 äußerte sich beispielsweise der damalige preußische Kronprinz Friedrich in einem Brief an den berühmten Philosophen und Schriftsteller Voltaire vom 24. Juli 1738 sehr herablassend über Westfalen: „Da die Geistesbildung dort so spärlich ist, muß man sich wirklich die Frage stellen, ob jene menschlichen Wesen wirklich Menschen sind, die denken, oder nicht.“18 Voltaire sah das – sei es durch Friedrichs scharfe Urteile ermuntert oder durch eigene Eindrücke auf seinen Reisen gefestigt –, offenbar ähnlich: „O abscheuliches Westphalen!“, heißt es etwa in einem Gedicht vom 6. Dezember 1740. Sein Westfalenbild – in Reminiszenz an den inzwischen König gewordenen Friedrich – zementierend bekannte er zehn Jahre später in einem Brief an seine Nichte:

„In großen Hütten, die man dort Häuser nennt, sieht man Tiere, die man als Menschen bezeichnet, die ganz vertraut mit den anderen Haustieren zusammenleben. […] Ihr geistiger Zustand entspricht genau ihren äußeren Lebensbedingungen.“19

Schließlich belegen auch die zahlreichen abfälligen Bemerkungen über Westfalen in seinem 1759 erschienenen Roman Candide ou l’optimisme Voltaires recht festgefügtes Westfalenbild.20

Diese ausgewählten Zitate verdeutlichen exemplarisch nicht nur die Hochzeit der Westfalenkritik in den 1750er-Jahren, sondern auch, inwieweit die Aufklärer neben positiven Identifikationsbegriffen gekonnt stereotype Gegenvorstellungen von Unwissenheit und Barbarei etablierten21 – hier die vermeintliche oder tatsächliche kulturelle bzw. geistige Rückständigkeit der Westfalen. Auf diese Weise kannte die Metaphorik der Aufklärer hinsichtlich ihrer politischen Konsequenzen in den Worten Reinhart Kosellecks eigentlich „nur noch zwei Lager: Das des Lichtes und das der Finsternis“22.

III Das Zeitalter der Aufklärung – Die (Be-)Gründung der Schulbibliothek

Das stereotype und metaphorisch finster ausgemalte Westfalen(zerr)bild diente Hoffmann als willkommene Kontrastfolie, auf der er seine eigene Intention in umso helleren Farben auftragen konnte, um das mutmaßliche Problem der mangelnden Gelehrsamkeit in Bielefeld und Westfalen bei der Wurzel zu packen. Damit hatte er auch in Teilen Erfolg, bedenkt man den Nachruhm dieses ansonsten heute vergessenen Denkers am Ratsgymnasium Bielefeld. Schließlich wird in Schulchroniken darauf verwiesen, dass mit und durch ihn die Philosophie der Aufklärung Einzug in die hiesige Lehranstalt gefunden habe und in der Folge die Bibliothek gegründet wurde.23

Als Gründungsdatum der Bibliothek gilt spätestens Hoffmanns Weggang im Jahre 175824 bzw. symbolisch und de facto schon der 24. Januar 175325, wie es beispielsweise auch auf einer 1988 durch seine Nachfahren gestifteten Gedenktafel zur Gründung der Bibliothek zum Ausdruck kommt. Zu diesem Tag hatte Hoffmann die Bürger aus Bielefeld und Umgebung zur Feier des Geburtstages des preußischen Königs Friedrich II. eingeladen. Dieses Datum ist alles andere als zufällig gewählt. Schon Immanuel Kant bezeichnete das „Zeitalter der Aufklärung“ in einem Atemzug auch als „Jahrhundert Friederichs26. Kants Begriff und Hoffmanns Terminierung dürfen sicher nicht als Anbiederung an den Monarchen verstanden werden, schließlich verkörperte Friedrich II. – trotz aller berechtigter Kritik – unter allen europäischen Monarchen seiner Zeit sicher am ehesten die Werte und Weltanschauung der Aufklärung. Dies kam etwa auch darin zum Ausdruck, dass er nach seiner Thronbesteigung Christan Wolff 1740 an die Universität Halle zurückberief.27

Für Wolff gehörte es „mit zu der Gelehrsamkeit […], gute Bücher zu kennen, damit man weiß, wo man sich weiter Raths zu erhohlen hat“28. Dieser Gedanke kommt auch in Hoffmanns doppelter Zielsetzung zum Ausdruck, was eine Schulbibliothek leisten müsse: für die Lehrkräfte ebenso wie für die Schüler. So heißt es in der betreffenden Einladungsschrift zur Feier des königlichen Geburtstages:

Eine Schulbibliothek ist so wohl in Ansehen der Lehrenden, als Lernenden von der grösten Nothwendigkeit. Ohne Bücher, weiß endlich ein ieder, kann man unmöglich fortkommen. Diese müssen die Quellen seyn, daraus Lehrer dasienige schöpfen, was sie ihren Lehrlingen einflössen, und auf sie müssen diese nach und nach selbst geführet werden.“29

Doch die Umsetzung des ersten Ziels, der Gründung einer Lehrerbibliothek, konfligierte mit der Persistenz schulischer Realität. In der insbesondere durch Kaufleute und Krämer geprägten Stadt, in der „die Schicht der Hofbeamten und der geistlichen Würdenträger ebenso [fehlte] wie ein kulturelles Zentrum“30, setzte sich Hoffmann gegen den „im toten Formalismus erstarrten Unterrichtsbetrieb und gegen die geistige Trägheit der Lehrer ein, die im Schulamt nur das Sprungbrett in eine gut dotierte Pfarrstelle sahen“31. Denn auch in Bielefeld sei das Fehlen einer Bibliothek, so Hoffmann wörtlich, mit „ein Hauptgrund, warum mancher [Lehrer] in dem, was er etwa von Wissenschaften mitgebracht hat, gleichsam versauert, und dadurch mit der Zeit dem Staat wirklich unbrauchbar wird“32.

Folglich stellt er diesen stereotyp und finster gezeichneten Lehrern, die größtenteils aus Bielefeld und der nahen Umgebung stammten,33 in einer anderen Schrift holzschnittartig die „Republik der Gelehrten“ gegenüber – zu der er sich auch selbst, wenig bescheiden, zurechnet und die sich der Forschung verborgener, unentbehrlicher Dinge widmeten: „[S]ie bauen das Reich der Wahrheit, und aus einem jeden kleinen Bezirk desselben haben sie ein Feld gemacht, welches sie eine Wissenschaft nennen.“34

Um auch sein Lehrerkollegium in diesen Prozess der Wahrheitsfindung einzubinden, bedürfe es also zunächst einer Lehrerbibliothek. Die relevante Textpassage wird daher im Folgenden nahezu ungekürzt zitiert:

„[I]ch will nur von dem reden, was sein [des Lehrers] Amt zu allernächst mit sich bringet. Und welche Kentnis fordert nicht dieses von ihm? [….] [D]enn so einen Schulmann verstehe ich hier nicht, der seinem Beruf nach sich nur mit den alleruntersten und ersten Anfangsgründen beschäftigen darf. Gewiß mit ein paar classischen Auctoren und etlichen magern Compendien ist es hier nicht ausgerichtet. Hier sind grössere Werke nöthig, und hat er die nicht; wie soll er in allen solchen Dingen was rechtschaffenes leisten können? Wo sollen die aber herkommen: Soll er die etwa selbst haben, wenn er sein Amt antritt? Dazu ist er nicht einmal verpflichtet, wenn er sie auch sich anschaffen könte. Man bestellt ihn zwar zu einem öffentlichen Lehrer, und er muß die Geschicklichkeit in dem allerdings besitzen, was er lehren soll. Allein da er um seiner Lehrlinge willen, so gut, wie diese noch täglich selbst lernen muß: so ist man auch verbunden, ihm darin allen möglichen Vorschub zu thun, und seinem Fleiß zu Hülfe zu kommen. Es würde unbillig seyn, wenn man ihm aufbürden wollte, ganz allein dafür zu sorgen. Denn der Nutzen, den er davon hat, ist ia nicht eigentlich sein eigner; sondern er ist, so zu reden, nur der Canal, durch welchen derselbe auf seine Lehrlinge, und mittelbarer Weise auf die Republik und den ganzen Staat fliesset.“35

Darüber, inwieweit solch eine Lehrerbibliothek vorrangig seinem Kollegium oder nicht doch primär ihm selbst dienen sollte, lässt sich heute nur spekulieren. Hoffmanns Bielefelder Rektorat fiel jedenfalls in die zweite Phase der Aufklärungsbewegung (1750-1770), als bedeutende Enzyklopädien entstanden sowie aufklärerische Ideen und wissenschaftliche Erkenntnisse popularisiert wurden.36 Zwei Jahre zuvor waren, um allein das bedeutendste zeitgenössische Beispiel zu nennen, die ersten Bände von Denis Diderots Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des Métiers, erschienen. Sie „sammelte das Wissen ihrer Zeit und erleuchtete sie damit“37. Wenn Hoffmann folglich selbst einen Überblick über die zeitgenössische Literatur behalten, auf dem aktuellen Forschungsstand bleiben und weiter publizieren wollte, musste er entweder einen großen Teil seines eigenen Einkommens für Bücher ausgeben oder eine Bibliothek gründen.38 Hoffmann schien solchen Deutungen des Eigennutzes im Übrigen selbst vorbeugen zu wollen, wenn er bezüglich der Bibliothek schreibt, dass er für sich selbst „keinen Vortheil suche“, um sie doch zwei Seiten später selbst zu nähren: „Mein Amt, als eines Bibliothekars, würde mir weiter nichts einbringen, als daß ich den freien Gebrauch der Bücher hätte.“39

Während Hoffmann sein erstes Ziel, die Gründung einer Lehrerbibliothek, im aufklärerischen Sinne seinen stereotypen Vorstellungen von Westfalen und seinen Lehrern scharf gegenüberstellte, zeugt sein zweites Anliegen, die Schaffung einer Schülerbibliothek, von seinem unerschütterlichen Vertrauen sowohl in die Vernunft und nahezu unbegrenzte Erkenntnisfähigkeit des Menschen als auch in die Wissbegier und den Fleiß der Jugend sowie die Ausweitung ihrer Einsichten mithilfe von Büchern:

„In Ansehung der Lehrlinge ist eine Schulbibliothek ebenso unentbehrlich. Wie dürftig, wie mangelhaft muß nicht der Unterricht bleiben, wenn sie sich mit demienigen allein behelfen müssen, der ihnen mündlich gegeben wird?“40

Hoffmann zufolge seien nämlich Zeitungen, Journale und Buchläden zur Bildung ebenso wenig hinreichend wie eine zumeist nicht zugängliche Stadt-41 oder Privatbibliothek, die ohne Anleitung durch die Lehrkräfte den Schülern mehr schade als nutze, da sie nicht auf deren Bedürfnisse abgestimmt sei:

Nur eine Schulbibliothek, welche darauf angelegt ist, hilft allen Schwierigkeiten ab. In dieser finden sich diejenigen Bücher; deren Kentnis und fleissiger Gebrauch einen begierigen Jüngling in wenig Zeit weiter bringt, als der mühsame Unterricht des Lehrmeisters. Sie lockt ihn zum Lesen, sie muntert seinen Fleiß auf, und ihr hat er die Ausdehnung seiner Einsichten zu danken. Sein Lehrer brachte ihn zwar auf den Weg, er führte ihn auch eine Zeitlang darauf bey der Hand; allein hernach übergab er ihn den andern Lehrmeistern, und er siehet mit Freuden, wie sein Lehrling mit starken Schritten zur Weisheit eilet.“42

Abb. 2 Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 1784, S. 1 (Ausschnitt) (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek P 95)

Hoffmanns Verständnis veranschaulicht, inwieweit der deutsche Begriff „Aufklärung“ also nicht ein konkretes Ziel oder Ergebnis, sondern „in erster Linie einen Prozess des Erkenntnisfortschritts und der Wissensvermittlung“ bezeichnet, der die „Oppositionen von (aufgeklärter) Minderheit und (aufzuklärender) Mehrheit sowie von Unmündigkeit und Emanzipation ins Zentrum“43 rückt. Dem entspricht auch Immanuel Kants drei Jahrzehnte nach Hoffmann verfasste berühmte „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ (s. Abb. 2):

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“44

Auf dieser Überzeugung der Vervollkommnung des Menschen beruhte das Interesse der Aufklärer an Erziehung und Bildung im Allgemeinen ebenso wie Hoffmanns Wille zur (Be-)Gründung einer Bibliothek am Bielefelder Gymnasium im Besonderen. Eine Schülerbibliothek ist also in Hoffmanns Aufklärungsverständnis das geeignete Mittel, damit die „Vernunft alle Lebensbereiche lichtet“45. Wissen sollte nicht länger den Eliten vorbehalten, sondern allgemein zugänglich werden, um den unmündigen, unwissenden sowie im Denken und Handeln abhängigen Menschen „von allen Autoritäten, Lehren, Ordnungen, Bindungen, Institutionen und Konventionen, die der kritischen Prüfung durch die autonome menschliche Vernunft nicht standzuhalten vermögen“46, zu emanzipieren und in die selbstverantwortete Freiheit zu überführen. Daher lebt(e) man Kant zufolge auch noch nicht „in einem aufgeklärten Zeitalter […], aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung47.

IV Das aufgeklärte Zeitalter? Die Weiterentwicklung der Bibliothek im Bielefelder Gymnasium

Kants Antwort bringt den Prozesscharakter von „Aufklärung“ im deutschen Sprachraum ebenso auf den Punkt wie es auf die Ideale Hoffmanns und die Grenzen der Aufklärung am Bielefelder Gymnasium in den 1750er-Jahren verweist. Vor ihm hatten bereits andere die Initiative zur Gründung einer Schulbibliothek mittels einer Lotterie ergriffen und ihren Einsatz dazugegeben.48 Während somit durchaus der „Zufall“49 Hoffmann in die Karten spielte, appellierte er 1753 an die Bürger der Stadt, der Bibliothek eigene, nicht mehr benötigte Bücher zu schenken, wobei sie „sich auch kein Bedenken über den Inhalt und die Beschaffenheit des Buchs zu machen“50 bräuchten. Darüber hinaus bat er die örtlichen Kaufleute, Bücher von Messen mitzubringen, damit auf diese Weise „Friedrichs Geburtsfest auch das Geburtsfest einer Schulbibliothek würde“51. Hoffmann schmeichelte den Bielefelder Bürgern als „so artige Leute, „daß ich von ihrer Freigibkeit, die sie andernorts wohl beweisen, weit mehr hoffen darf, als ich an einem andern Ort hoffen dürfte“52. Ungeachtet dieser Formulierung war der Rektor aber in diesem Punkt wohl mehr schulischer Realist als aufgeklärter Idealist, und zwar insofern als er es nicht unterließ, sie mit extrinsischer Motivation zu ködern: „[U]nd welche Zier ist es nicht endlich für eine Schule, ia für eine ganze Stadt, wenn das Wohnhaus der Musen so vortreflich ausmeublirt ist?“53

Nach Hoffmann Ankündigung, qua Schenkung eines alten Schulfreundes aus Halle „mit einer beträchtlichen Anzahl von Büchern den Anfang zu machen“54 ist die Bibliothek bis 1755 schnell auf 181 Bücher und mehrbändige Werke von 22 Spendern angewachsen. 1758 waren es 200 geschenkte und 20 gekaufte Titel, allerdings überwiegend aus dem 16. und 17. Jahrhundert und Hoffmanns Einschätzung nach kaum für die Bibliothek zu gebrauchen.55

Diese bescheidenen Anfänge verweisen darauf, dass Kants Wahlspruch der Aufklärung, „Sapere aude!“56, auch bzgl. der Bibliothek des Bielefelder Gymnasiums im 18. Jahrhundert, zuweilen „eher lautstark verkündet als wirklich praktiziert“57 wurde, was nicht zuletzt Hoffmanns resignierte Aufgabe seines Rektorenamtes schon im Jahre 1758 belegt. 150 Jahre später schrieb Direktor Christian Herwig über seinen Vorgänger: „Offenbar kam der geistig bewegliche Hoffmann mit den besten Plänen und Absichten; aber er stiess auf den Widerstand der Gleichgültigkeit.“58

Was also bleibt aus Hoffmanns ambitionierter Rektoren- und Gründungstätigkeit? Leben wir zu Hoffmanns 300. Geburtstag und zum Abschluss des Corona-Jahres 2020 nicht mehr bloß in einem „Zeitalter der Aufklärung“, sondern in einem „aufgeklärten Zeitalter“?

Neben der durch Klopstocks Messias angeregten Einführung eines selbstständigen Deutschunterrichts59 bleibt aus Hoffmanns Rektorat vor allem die Gründung einer Lehrerbibliothek. Sein eigentliches pädagogisches Anliegen, die Büchersammlung solle Lehrer- und Schülerbibliothek zugleich sein, konnte aber bis heute durch keinen seiner Nachfolger verwirklicht werden. „Die Schulbibliothek war immer nur eine Lehrerbibliothek.“60

Auch eine Suche nach damals angeschafften Werken der Aufklärung im Bestand des heutigen Ratsgymnasiums kommt über einige Enttäuschungen nicht hinweg. Enzyklopädien, Werke der bedeutenden Philosophen, Texte der „Volksaufklärung“, Reiseberichte oder literarische Werke sowie journalistische Medien sind Mangelware.61 Ausnahmen stellen hier etwa die nach Hoffmanns Tod von Charles-Joseph Panckoucke ab 1782 herausgegebene Neubearbeitung und Erweiterung von Diderots Encyclopédie, die Encyclopédie méthodique62 (s. Beitragsbild), einige Werke der beiden Hallenser Christian Wolff und Siegmund Jakob Baumgarten63 sowie die von Hoffmann verzeichnete zweite Auflage von Johann Christoph Gottscheds Ausführlicher Redekunst64 dar, deren Kritik am  ,schwülstigen Stil‘ der Barockliteratur sich Hoffmann selbst zu eigen machte.

Der allgemeine Niedergang der Schule gerade in den 1780er-Jahren, ihre stark schwankenden und oft niedrigen Schülerzahlen, die Fragen nach Eignung und Änderung des Schulprofils sowie die drohende Zusammenlegung der Lateinschule mit den Gymnasien in Herford und Minden65 gingen auch an der Bibliothek nicht spurlos vorüber. Mit dem Ende der napoleonischen Kriege, der Gründung der Provinz Westfalen und der Amtsübernahme durch Direktor Prof. August Krönig muss sich die Bibliothek 1815 „in einem wenig geordneten, wohl recht desolaten Zustand befunden haben“66, insofern als auch nur noch neun von 52 überprüfbaren Titeln aus Hoffmanns Bestand auffindbar waren.

Die Geschichte der seit 1815 auf- und ausgebauten Bibliothek wurde andernorts detailliert beschrieben67 und kann daher hier ebenso ausgeklammert werden wie eine nähere Untersuchung der fast 7.000 Bände umfassenden Privatbibliothek des Bonner Historikers Johann Wilhelm Loebell (1786-1863), die dem Bielefelder Gymnasium 1863 als Erbe zufiel. Ihr Bestand unterscheidet sich deutlich von den 220 Titeln des Jahres 1758, insofern als sich hier vielfältige Werke der Aufklärungsliteratur und -philosophie finden lassen.68 Sie dokumentieren damit den andauernden Prozess des „Zeitalters der Aufklärung“ im Rahmen einer Gelehrtenbibliothek des 19. Jahrhunderts.

Ist die vollständige Bibliothek des heutigen Ratsgymnasiums Bielefeld im Jahre von Hoffmanns 300. Geburtstag bloß – analog zu seinem Gedanken der „Zier“ für Schule und Stadt – eine „Trophäenbibliothek“, also „eine in einer Schule aufbewahrte historische Gymnasialbibliothek, die heute vor allem als Schatzkiste dienen muss, um die Anstalt zu schmücken“69? Beim Blick in die Lokalpresse des Jahres 2020, und nicht nur dort, dominieren Eindrücke, die Bibliothek sei ein „Schatz des Ratsgymnasiums“ und sehe aus „wie in Hogwarts“70. Fragen nach Forschung, Vermittlung und Lehre stellen sich da bei vielen Neugierigen – wenn überhaupt – oft erst auf den zweiten oder dritten Blick.

Der Einschätzung von Felicitas Noeske zufolge wird man allerdings Gymnasialbibliotheken, wie exemplarisch die des Hamburger Johanneums und des Altonaer Christianeums71, im Sinne Michael Knoches durchaus als forschungsorientierte Bibliotheken bezeichnen können. Sie zeichnen sich aus durch
„programmatische Einbindung von Forschung in die Bibliothek
– dauerhafte Zugänglichkeit der Sammlung
– Angebot besonderer Erschließungsleistungen
– Vermittlungsauftrag gegenüber der Öffentlichkeit“
72.

Ist dieser Anspruch (aktuell) zu hoch für die zwar über 25.000 Bände umfassende, in Zettelkatalogen erschlossene, in Teilen erforschte, ins Schulleben vielfältig eingebundene und auf Anfrage offenstehende Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld? Dass sie überhaupt existiert, Forschung, Vermittlung und Lehre möglich sind und ihre Bestände verstärkt ans Licht (der Öffentlichkeit) gebracht werden können und sollten, ist jedenfalls grundlegend dem „Zeitalter der Aufklärung“ und Gotthilf August Hoffmanns „glüklichen Einfall“ zu verdanken, „eine Bibliothek an die Schule zu bringen“73. Daher erinnert man sich an diesen Rektor als außergewöhnliche Persönlichkeit auch noch im Jahr seines 300. Geburtstages.

Anmerkungen

Diesen Artikel zitieren: Benjamin Magofsky, Das Zeitalter der Aufklärung – auch am Bielefelder Gymnasium? Gotthilf August Hoffmann und die Gründung der Bibliothek im heutigen Ratsgymnasium Bielefeld  bibliotheca.gym, 31/12/2020, https://histgymbib.hypotheses.org/10729

  1. Gotthilf August Hoffmanns Einladung zur abermaligen Feier des Königlichen Geburtstages auf den 24sten Jenner 1753. Bielefeld. S. 8 (Die Schreibweise folgt hier und im weiteren Artikel dem Original).
  2. Vgl. zu den biographischen Angaben Franckesche Stiftungen zu Halle (Saale) Studienzentrum August Hermann Francke – Archiv – Datenbank zu den Einzelhandschriften in den historischen Archivabteilungen. Ein Eintrag zu hoffmann, gotthilf august – BIOGRAFIE 24.03.2016. Online unter: http://192.124.243.55/cgi-bin/gkdb.pl?x=u&t_show=x&wertreg=PER&wert=hoffmann%2C%20gotthilf%20august%20%20-%20BIOGRAFIE&reccheck=144000, abgerufen am 23.12.2020; Datierung auf den 21. September 1720 ebenfalls bei Esser, H. (1969): Die moralische Wochenschrift „Der Hagestolze“ 1751/52 und ihre westfälischen Mitstreiter. In: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark. Band 65/1969. S. 21-36, hier S. 30; abweichende Datierung auf den 18. September etwa bei Haase, U. (1985): Einleitung. In: Hoffmann, G. A. [1751 ff.]: Album scholae 1751. Hrsg. von U. Haase. Bielefeld 1985 (Faksimile). S. III-VII, hier S. IV (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).
  3. Vgl. Haase 1985: IV.
  4. Holger Flachmann nennt es in seiner Geschichte der Bielefelder Schulbibliothek eine „tiefempfundene, pietistisch-protestantische Frömmigkeit und Lebenseinstellung“, in der sich das „aufgeklärt-utilitaristische Bildungsziel“ mit der pietistischen Pädagogik insofern verband, neben der Erziehung zur Frömmigkeit „auf das praktische Leben vorzubereiten, sich hier orientieren und bewähren zu können“ (Flachmann, H. (1988): Die Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums zu Bielefeld während der Zeit der preußischen Provinzialverwaltung (1815-1945) – unter besonderer Berücksichtigung des Bestandes. Hausarbeit zur Prüfung für den höheren Bibliotheksdient. Köln (unveröffentlicht). S. 15 ff.).
  5. Vgl. Haase 1985: IV und Flachmann 1988: 15.
  6. Lauster, J. (2014): Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums. München. S. 422.
  7. Vgl. Lüsebrink, H.-J. (2015): Die europäische Aufklärung. In: Demel W. / H.-U. Thamer (2015): WBG-Weltgeschichte. Eine globale Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert. Band V. Entstehung der Moderne 1700-1914. 2. Aufl. Darmstadt. S. 95-149, hier S. 112.
  8. Vgl. Haase 1985: IV, und Esser 1969: 30.
  9. Vgl. zur Empfehlung Hoffmanns Flachmann 1988: 15, vgl. zu den Amtszeiten Flachmann, H. (1992): Bibliothek des Ratsgymnasiums. 1. Bestandsgeschichte. In: Corsten, S. (Hrsg.) (1992): Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Band 3. Nordrhein-Westfalen. A-I. Hildesheim. S. 104-106, hier S. 104 und Altenberend, J. / R. Köhne (2008): Die Bibliothek des Ratsgymnasiums. In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Schule mit Geschichte. Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums. Bielefeld. Bielefeld. S. 93-106, hier S. 93; abweichende Datierungen der Amtszeit auf 1751-1759 werden bei den Franckeschen Stiftungen zu Halle (Saale) 2016, Esser 1969: 30 f. und Haase 1985: IV vorgenommen.
  10. Linden, H. (1958): Gotthilf August Hoffmann. Wider die barbarischen Lehrer und Lohnsänger. In: Heimatspiegel. Beiträge Beilage zur Dortmunder Nord-West-Zeitung. 25.6.1958.
  11. Vgl. Gotthilf August Hoffmanns, Prorektors und öffentlichen Lehrers der Weltweisheit auf dem Archigymnasium zu Dortmund, Charakter eines rechtschaffenen Schulmanns, welchen er bey Gelegenheit einer Redeübung so den 17. Junius 1750 Nachmittags um 2 Uhr von etlichen der öffentlichen Zuhörer in dem großen Hörsaal wird gehalten werden, vorstellet, zu deren Anhörung er gehorsamst und ergebenste einladet. Dortmund 1750; vgl.  dazu Probst, P. (1912): Westfalen in der Kritik des 18. Jahrhunderts. Münster. S. 55 f., 59.
  12. Linden 1958.
  13. Vgl. die unterschiedlichen Einschätzungen zu den Gründen des Weggangs bei Linden 1958 und Esser, H. (1958): Gotthilf August Hoffmann. In: Heimatspiegel. Beilage der Dortmunder Nord-West-Zeitung. Nr. 47. 27.8.1958.
  14. Hoffmann 1753: 7.
  15. Ebd.
  16. d’Ester, K. (1912): Westfalen in der Kritik des 18. Jahrhunderts. In: Westfälisches Magazin. 4/1912. S. 135-137, hier S. 135.
  17. Vgl. etwa Kipp, M. (2009): „Das beste Volk von der Welt“. Auf Preußens Spuren in Minden-Ravensberg. Bielefeld. S. 8-15.
  18. zit. nach Heggen, A. (1990): Voltaires Urteil über Westfalen. In: Westfälische Zeitschrift. Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde 140/1990. S. 279-285, hier S. 281 f.; vgl. zu den Reisebeschreibungen d’Ester 1912: 136.
  19. zit. nach Heggen 1990: 280.
  20. Vgl. ebd. 282.
  21. Vgl. zu diesen positiven und negativen Begriffen in der Aufklärungsphilosophie Lüsebrink 2015: 108, vgl. zur Hochzeit der Westfalenkritik Probst 1912: 52.
  22. Koselleck, R. (2005): Über den Stellenwert der Aufklärung in der deutschen Geschichte. In: Joas, H. / K. Wiegandt (Hrsg.) (2005): Die kulturellen Werte Europas. Frankfurt am Main. S. 353-366, hier S. 365 f.
  23. Vgl. dazu etwa Raab, K. (1958): Mittelalterliche Handschriften in der Bielefelder Gymnasialbibliothek. In: [o. Hrsg.] (1958): Festschrift zum 400-jährigen Jubiläum des Staatlich-Städtischen Gymnasiums zu Bielefeld. Vom 24.-27. Juli 1958. Bielefeld. S. 237-250, hier S. 237.
  24. So ebd.: 238, und Hebbel, H. (1980): Gotthilf August Hoffmann (1720-1769). Gründer der Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld. (unveröffentlicht) [S. 4] (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).
  25. Dieses Datum entspricht Hoffmanns eigener Intention (Hoffmann 1753: 9) und der Deutung seiner Nachfahren. Es ergibt sich zudem aus der Logik der verzeichneten Spenden und Bücherzugänge bis 1758 (vgl. Hoffmann [1751 ff.]: 288, 303 ff., Altenberend / Köhne 2008: 94, Flachmann 1988: 7, und Raab 1958: 113 f.).
  26. Kant, I. (1784): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift. Dezember 1784. Heft 12. S. 481-494, hier S. 491 (Hervorhebung im Original).
  27. Vgl. Clark, C. (2007): Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947. München. S. 299 ff.
  28. Allerhand nützliche Versuche, dadurch zu genauer Erkäntniß der Natur und Kunst der Weg gebahnet wird, denen Liebhabern der Wahrheit mitgetheilet von Christian Freyherrn von Wolff, … Anderer Theil. Halle 1747. S. 2v.
  29. Hoffmann 1753: 3 (Hervorhebung im Original).
  30. Vogelsang, R. (2008): Bürgerschule und Gelehrtenanstalt – 450 Jahre Gymnasium in Bielefeld. In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Deo et Literis. Schule mit Geschichte – Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums Bielefeld. Bielefeld. S. 11-48, hier S. 16.
  31. Raab 1958: 237 f.
  32. Hoffmann 1753: 4
  33. Vgl. Vogelsang 2008: 17.
  34. Gotthilf August Hoffmanns Einfälle von dem Entbehrlichen in der Welt bey Gelegenheit eine Redeübung auf den 13ten September, 1754. Bielefeld. S. 10.
  35. Hoffmann 1753: 3 f. (Hervorhebung im Original
  36. Vgl. Lüsebrink 2015: 102.
  37. Hamann, G. (2011): Diderots Encyclopédie. Das gesammelte Wissen der Welt. In: Zeit.de. 17.1.2011. Online unter: https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2011-01/wikipedia-diederot?utm_referrer, abgerufen am 22.12.2020.
  38. Vgl. Hebbel 1980: [5].
  39. Hoffmann 1753: 6, 8.
  40. Ebd.: 4 (Hervorhebung im Original).
  41. Eine solche Stadtbibliothek erhält Bielefeld erst im Jahre 1905 (vgl. Flachmann 1988: 30).
  42. Hoffmann 1753: 5.
  43. Lüsebrink 2015: 104 und 105.
  44. Kant 1784: 481 (Hervorhebung im Original).
  45. Brose, T. (2019): Aufklärung, Enlightenment, Lumières, Haskalah … In: François, É/ T. Serrier (Hrsg.) (2019): Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte. Band I. Lebendige Vergangenheit. Darmstadt. S. 244-259, hier S. 245.
  46. Stuke, H. (1972): Aufklärung. In: Brunner, O. u.a. (Hrsg.) )1972): Geschichtliche Grundbegriffe. Band 1. Stuttgart. S. 243-242, hier S. 245.
  47. Kant 1784: 491 (Hervorhebungen im Original).
  48. Hoffmann [1751 ff.]: 288.
  49. Bertram, T. (1908): Geschichte der Bibliothek des Bielefelder Gymnasiums. In: [o. Hrsg.] (1908): Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Gymnasiums und Realgymnasiums zu Bielefeld. Am 5. und 6. August 1908. Bielefeld. S. 111-125, hier S. 113; vgl. auch Altenberend / Köhne 2008: 94.
  50. Hoffmann 1753: 9.
  51. Ebd.
  52. Ebd.: 8.
  53. Ebd.: 6.
  54. Ebd.: 8.
  55. Vgl. Altenberend / Köhne 2008: 94, und Flachmann 1988: 7, 17 f.
  56. Kant 1784: 481 (Hervorhebung im Original).
  57. Brague, R. (2019): Die Vernunft – die Grenzen einer Ambition. In: François, É/ T. Serrier (Hrsg.) (2019): Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte. Band I. Lebendige Vergangenheit. Darmstadt. S. 285-297, hier S. 293.
  58. Herwig, C. (1908): Geschichte der Anstalt. In: [o. Hrsg.] (1908): Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Gymnasiums und Realgymnasiums zu Bielefeld. Am 5. und 6. August 1908. Bielefeld. S. 1-110, hier S. 28.
  59. Vgl. Raab 1958: 237.
  60. Altenberend / Köhne 2008: 94. Davon ist gewiss die 1785-1789 bestehende „Lesegesellschaft der Primarer und Sekundaner“ sowie die 1828 gegründete und längst aufgelöste Schülerbibliothek zu unterscheiden (vgl. Köhne, R. (1983): Die „Schülerbibliothek zu Bielefeld“ von 1828. In: [o. Hrsg.] (1983): 425 Jahre Ratsgymnasium Bielefeld. Festschrift. Jubiläumswoche vom 22. bis 28. September 1983. Bielefeld. S. 248-255.).
  61. Vgl. den Abschnitt über den Bestand der Gymnasialbibliothek in dem durch Hoffmann seit 1751/52 bis 1758 angelegten sogenannte „Album“ der Schule (Hoffmann, G. A. [1751 ff.]: 288-313).
  62. Encyclopédie méthodique par une société de gens de lettres, de savants et d’artistes. Paris 1782 ff. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek, A 226-346, unvollständig).
  63. Vgl. z.B. Abb. 1 und Anm. 28.
  64. Johann Christoph Gottscheds Ausführliche Redekunst, nach Anleitung der alten Griechen und Römer, wie auch der neueren Ausländer; in zween Theilen. Die zweyte Auflage. Leipzig 1739 (vgl. Hoffmann [1751 ff.]: 309).
  65. Vgl. Vogelsang 2008: 16-21.
  66. Vgl. Flachmann 1988: 7.
  67. Vgl. grundlegend Bertram 1908, detailliert für die Bestandsgeschichte 1815-1947 Flachmann 1988, maßgeblich zur Geschichte der Bibliothek und bedeutender Werke Altenberend / Köhne 2008, kurz Gerwin, C. / B. Magofsky (2018): „Ein Anliegen ‚von der grösten Nothwendigkeit‘ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte“. In: bibliotheca.gym 18.12.2018. Online unter: https://histgymbib.hypotheses.org/6605, sowie für die religiösen Bestände Magofsky, B. (2020): Der heilige Hieronymus im Gemäuer. Religiöse Handschriften, Inkunabeln und Bücher aus dem Bielefelder Franziskanerkloster in der Schulbibliothek des Ratsgymnasiums. In: Zeitarbeit. Aus- und Weiterbildungszeitschrift für die Geschichtswissenschaften 2/2020. S. 44-64. Online unter: https://majournals.bib.uni-mannheim.de/zeitarbeit/article/view/147/104.
  68. Vgl. zu dieser am Ratsgymnasium befindlichen Privatbibliothek neben den genannten Titeln (s. Anm. 67) dezidiert Köhne, R. (2000): Prof. Johann Wilhelm Loebell (1786-1863) und die „Loebellsche Bibliothek“ in Bielefeld. In: Ravensberger Blätter 2000. Heft 1. S. 26-34, und Altenberend / Köhne 2008: 101-104, sowie exemplarisch zu einem Kupferstich aus einem Werk der Aufklärungsphilosophie Magofsky, B. (2020): Vom „Bild“ der Gesetze – Montesquieus „De l’esprit des loix“ im Spiegel eines Kupferstichs aus einer französischsprachigen Werkausgabe. In: bibliotheca.gym 30.11.2020. Online unter: https://histgymbib.hypotheses.org/9959. Eine detaillierte Analyse des Bestandes, auch und gerade mit Blick auf die Aufklärungsliteratur, steht indessen noch aus.
  69. Noeske, F. (2017): Von Bibliothekslandschaft, Bildersaal und Schatzkiste. In: bibliotheca.gym 4.11.2017. Online unter: https://histgymbib.hypotheses.org/2964, abgerufen am 27.11.2020.
  70. Vgl. z.B. Artikel aus der Lokalpresse (Michel, Y. (2020): Der Schatz des Ratsgymnasiums. In: Neue Westfälische. 18.9.2020) oder ein kürzlich produzierter Imagefilm der Schule (Ratsgymnasium Bielefeld (2020): Bibliothek und Sprachen. Film, 24.12.2020. 2.40 Min. Online unter: https://youtu.be/0s_xVLyXVLo, Min. 0.37-0.42).
  71. Vgl. Noeske, F. (2019): Gymnasialbibliotheken sind Forschungsbibliotheken. In: bibliotheca.gym 29.3.2019. Online unter: https://histgymbib.hypotheses.org/2964, abgerufen am 27.11.2020.
  72. Knoche, M. (2016): Auf dem Weg zur Forschungsbibliothek. Studien aus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Frankfurt am Main. S. 21.
  73. Hoffmann 1753: 8.

#HistGymBib.Advent.2020.24

Gymnasialbibliotheken und -archive -

 

Gemeinsamer Adventskalender des Netzwerks Historische Schulbibliotheken 2020: Nachrichten über Kurioses und Lehrreiches aus den Gymnasialbibliotheken. Nummer 24:

24

Die etwas anders erzählte Weihnachtsgeschichte

Hans Irler, promovierter Germanist, Lehrer und Autor von Theaterstücken und Erzählungen, leitet die alte Bibliothek des Johannes-Turmair-Gymnasiums in Straubing. Yoyo und die Macht des Erzählens (2020) ist sein zweiter Roman. Zu seinem ersten mit dem Titel Treppe in die andere Zeit (2018) siehe hier bei bibliotheca.gym.

Der Roman Yoyo und die Macht des Erzählens schildert eine Zeitreise in die Zukunft.  Mehr zum Zusammenhang der weihnachtlichen Passage, die Irler uns hier vorliest, kann man im selben Theater ansehen und anhören.

Zum kleinen Eingangsbild oben

Heike Endermann: Anbetung der Hirten. Kolorierter Holzschnitt von 1481 (Pdf)

Weihnachten 2020

Archiv des Schottenstifts -

Cum venit igitur plenitudo temporis, ut ait Apostolus, misit Deus Filium suum, factum de muliere, factum sub Lege, ut eos qui sub Lege erant redimeret, in adoptionem filiorum Dei reciperemus. – Als aber die Zeit erfüllt war, wie der Apostel sagt, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft Gottes erlangen.

Mit diesem Zitat nach dem Brief des Apostels Paulus an die Galater (Gal 4,4-5) beginnt die Distinctio I des dritten Buchs der Sentenzen des Petrus Lombardus aus dem 12. Jahrhundert, welches sich eingangs mit der Inkarnation beschäftigt. In einer Handschrift des Schottenstifts aus dem 15. Jahrhundert, einer Schenkung des Wiener Universitätslehrers Urban von Melk, wird dieser Text begleitet von einer wunderbaren historisierenden Deckfarbeninitiale, die dieses Jahr auch als Motiv eines neuen Weihnachtsbillets diente (und zudem die Titelseite des aktuellen Pfarrblatts der Schottenpfarre ziert).

Cod. 257 (Hübl 262), fol. 5r (Ausschnitt)
Petrus Lombardus, Sententiarum libri tertius et quartus: liber III, distinctio I (15. Jh.).

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest, besinnliche Feiertage und alles Gute im neuen Jahr!

#HistGymBib.Advent.2020.23

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Gemeinsamer Adventskalender des Netzwerks Historische Schulbibliotheken 2020: Nachrichten über Kurioses und Lehrreiches aus den Gymnasialbibliotheken. Nummer 23:

23

Hans Schäufelein: Geburt Christi

Holzschnitt von Hans Schäufelein. In: Euangelia, mit vßlegung des hoch gelertenDoctor Keiserspergs: vnd vß dem Plenarium vnd sunst vil gutter Exempel Nutzlich, Summer vnd Winttertheil durch daz gantz iar … Straßburg: Grüninger,1517. Aus der Historischen Bibliothek der Stadt Rastatt.

Heike Endermann, Leiterin der Bibliothek, erläutert in der Begleitmail, warum das Bild etwas schräg stehe: Das liege an ihren „nicht gerade profimäßigen Fotografierkünsten. Die Bilder sind schon etwas älter und mit einer Kamera gemacht, die inzwischen das Zeitliche gesegnet hat. Aber vielleicht genügt es für unsere Zwecke“ – Na klar! (So haben wir alle irgendwann vor digitalen hundert Jahren einmal angefangen.)

Das Christkind kommt in diesem Jahr 2020 einen Tag zu früh, die Hotels sind zur Zeit ohnehin geschlossen und die Krippe ist, wie der Holzschnitt zeigt, überdies  nicht zeitnah bezugsfertig geworden. Deshalb danken wir Meister Schäufelein fürs Tüchelein – ein harter, bodennaher Eintritt in die Welt allemal, wenn auch unter kühner Perspektive des Gebälks.

Zu Schäufeleins Holzschnitt:

Heike Endermann: Darstellung der Geburt Christi (2020, Pdf)

Oldalak

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