Archiv des Schottenstifts

Anmerkungen zum Wappen von Abt Nikolaus Poch

Nach wie vor ist es Usus, dass ein neugewählter Abt eines Klosters ein eigenes Wappen annimmt. Zwar dürfen Personenwappen in Österreich heutzutage nicht mehr geführt werden, geistliche Wappen werden jedoch von staatlicher Seite allesamt als Amtswappen angesehen. Mussten diese zu Zeiten der Habsburgermonarchie noch der Hofkanzlei bzw. dem Innenministerium zur Genehmigung vorgelegt werden, so ist in der Republik Österreich keine Verleihung mehr vorgesehen. Die Annahme eines Abtwappens erfolgt somit schlicht durch seine Veröffentlichung – entweder im Rahmen einer förmlichen Präsentation oder einfach durch seine Verwendung.1

Im Schottenkloster wiesen die Siegel der Äbte ab dem 13. Jahrhundert kleine Wappenschildchen mit unterschiedlichen Darstellungen auf, die wohl als persönliche Wappen anzusehen sind. Das Wappen des Klosters, wie wir es heute kennen, entwickelte sich hingegen erst ab dem Jahr 1464. Die Verbindung von Stiftswappen und Wappen eines einzelnen Abtes – sei es als Allianzwappen, sei es als zusammengesetztes Wappen – ist erstmals bei Abt Johann Schretel (1562–1583) in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts belegt.2 In den letzten Jahrzehnten war die Vorgehensweise bei der Entwicklung eines neuen Abtwappens im Schottenstift unterschiedlich. Der Entwurf zum Wappen von Abt Bonifaz Sellinger (1966–1988) stammte vom Heraldiker und Universitätsarchivar Franz Gall, das Wappen von Abt Heinrich Ferenczy (1988–2006) wurde vom in den klösterlichen Sammlungen mitwirkenden Gymnasiallehrer Gerhard Schlass gezeichnet, jenes von Abt Johannes Jung (2009–2021) vom italienischen Heraldiker Marco Foppoli konzipiert.3

Abt Nikolaus Poch wurden nach seiner Wahl am 25. Jänner 2021 vom Stiftsarchiv mehrere Vorschläge für sein äbtliches Wappen unterbreitet. In der Folge wurden Stiftsarchivar Maximilian Alexander Trofaier, dem Autor dieser Zeilen, sowohl die inhaltliche Gestaltung als auch die graphische Umsetzung des Wappens aufgetragen. Die Präsentation des neuen Wappens erfolgte bei der Abtbenediktion am 25. September 2021. Im Folgenden soll auf einige Aspekte der Wappengestaltung näher eingegangen werden.

Blasonierung

Das Wappen Abt Nikolaus Pochs lässt sich wie folgt blasonieren:

Gespalten: Vorn in Blau auf einem grünen Dreiberg ein goldener einwärts gewendeter Krummstab mit silbernem Pannisellus, querrechts belegt mit einem roten Beutelbuch (Schottenstift). Hinten geteilt: Oben in Grün eine rot umsäumte schwarze Radscheibe mit golden umsäumter roter Nabe und sechs goldenen Speichen, jene drei von der Nabe nach oben und nach schiefunten zum Radkranz gespitzt, die drei übrigen gegengewendet (Radschema des Niklaus von Flüe); unten in Gold zwei schräg gekreuzte schwarze Schlüssel mit dem Bart nach oben und außen (Dornbach).

Über dem Schild rechts die Mitra; hinter dem Schild der goldene schräglinke, einwärts gewendete Krummstab mit silbernem Pannisellus. Unter dem Schild auf einem silbernen Band die Devise „Gloria Dei vivens homo“.

Wappengestaltung

Der Tradition der Abtwappen im Schottenstift entsprechend erscheint auch bei Abt Nikolaus im gespaltenen Wappenschild vorn (heraldisch rechts) das Stiftswappen mit einwärts gewendetem Krummstab, Pannisellus und Beutelbuch. Kurzzeitig alternativ diskutiert und entworfen, letztlich aber abgelehnt wurde eine Schrägrechtsstellung des Pedums, wie sie sich in den Wappen des 16. bis 19. Jahrhunderts meist findet.

Hinten (heraldisch links) ist der Schild geteilt: Oben verweist das Radschema des heiligen Niklaus von Flüe auf den Namenspatron des Wappenführers. Bei diesem Radschema dürfte es sich um eine vereinfachte Darstellung bzw. eine abweichende Interpretation des deutlich komplizierteren Meditationsbildes des Bruders Klaus, das auch als Sachsler Meditationstuch bekannt ist, handeln.4 Bei der Farbgestaltung des eigentlich farblosen Radschemas im Wappen wird daher jene des Meditationsbildes rezipiert. Eine zusätzliche Dimension, die zunächst gar nicht vorgesehen war, erhält die Figur aber auch durch ein Motiv, welches Abt Johannes Perkmann von Michaelbeuern, Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregation, Abt Nikolaus im Rahmen der Predigt zu dessen Amtseinführung am 22. März 2021 mit auf den Weg gab: das Bild des Abtes als Nabe eines Rades, welche die einzelnen Speichen der Konventgemeinschaft in der Mitte zusammenhalten müsse.

Links unten verweist das Wappen von Dornbach mit zwei gekreuzten Schlüsseln auf die für Abt Nikolaus persönlich wichtige Herkunftspfarre, in der er in jungen Jahren seine kirchliche Prägung erfuhr. Das Dornbacher Wappen entspricht jenem des Benediktinerstifts St. Peter in Salzburg, welches Pfarrpatron und ehemaliger Grundherr des einstigen Wiener Vororts Dornbach war. In der Wiener Gemeindeheraldik sind die beiden Schlüssel in der seit der Erstpublikation inzwischen geänderten Fassung des Hernalser Bezirkswappens allerdings nicht schwarz, sondern braun.5 Die mögliche Problematik der Verwendung eines mit einem anderen österreichischen Kloster verbundenen Wappenbildes wurde zwar diskutiert, weshalb auch alternative Darstellungen mit verwechselten Farben oder abgewandelten gemeinen Figuren entworfen wurden, letztlich entschied sich Abt Nikolaus jedoch für die traditionellen schwarzen Schlüssel in goldenem Feld. Zum einen sind die gekreuzten Schlüssel ein in unterschiedlichsten Varianten häufig anzutreffendes Wappenbild, das wohl kaum Exklusivität beanspruchen kann, zum anderen lassen Position und Größe dieses Feldes in Relation zum rechten Feld, in welchem das Stiftswappen zu finden ist, ohnedies keinen Zweifel daran, welchem Kloster der Wappenträger vorsteht.

Als Rangzeichen im Oberwappen ist bei persönlichen Wappen kirchlicher Würdenträger grundsätzlich der Hut (Galero) mit Schnüren und Quasten (Fiocchi) vorgesehen. Infulierte Äbte führen an ihrem schwarzen Hut drei Quastenreihen, außerdem steht hinter dem Schild der Krummstab mit Pannisellus. Die Mitra ist demgegenüber inzwischen eigentlich dem Wappen der Abtei vorbehalten. Allerdings ist es im Schottenstift auch in den letzten Jahrzehnten bei Abtwappen weiterhin üblich gewesen, die Mitra anstelle des Huts zu verwenden, was Abt Nikolaus explizit beibehalten wollte. Zudem sollte der Brauch, die Mitra nicht mittig, sondern auf den oberen rechten Rand des Schilds zu setzen, fortgeführt werden.

Als Devise wählte Abt Nikolaus jenen Satz des Irenäus von Lyon, welchen er bereits seiner Tätigkeit als Pfarrmoderator in St. Ulrich vorangestellt hatte: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch“ (Adversus haereses 4,20,7). Diese Devise scheint im Wappen unterhalb des Schilds in einem Spruchband in lateinischer Sprache auf: „Gloria Dei vivens homo“.

Graphische Umsetzung

Bei der Wappengestaltung geht es primär um die Entwicklung eines Konzepts, das den Regeln der Heraldik entspricht und mittels der normierten heraldischen Fachsprache beschrieben werden kann. Die graphische Umsetzung ist demgegenüber sekundär und kann, solange sie sich nach der korrekten Blasonierung richtet, jeweils ganz unterschiedlich ausfallen. Trotzdem ist es für die Präsentation und weitere Verwendung in der Praxis erforderlich, einen Urtyp graphisch zu gestalten. Auch hierzu wurden einige allgemeine und spezielle Überlegungen angestellt.

So wählte Abt Nikolaus etwa als Schildform für den Wappenschild bewusst die klassische halbrunde spanische Form. Im Stiftswappen ist das Pedum möglichst schlicht gehalten und weist eine einem wirklichen Hirtenstab entsprechende Krümmenform auf. Der Pannisellus hängt nicht schlaff vom Krummstab herab, sondern weht wirklich im Wind, was auch – zumindest in seiner Intention, wenn schon nicht in seiner Ausrichtung – dem seit etwas mehr als 20 Jahren gebräuchlichen Stiftslogo entspricht. Das Beutelbuch soll einerseits als solches wirklich erkennbar sein, ist aber andererseits den heraldischen Regeln entsprechend stärker als in manch bisherigen Stiftswappen stilisiert und nicht dreidimensional mit Spangen ausgeführt; anstelle eines am Buchdeckel häufig anzutreffenden Kreuzes weist es einen kreuzförmigen Mittelbeschlag sowie vier runde Eckbuckel auf. Für den Dreiberg entschied sich Abt Nikolaus anhand einiger unterschiedlicher Entwürfe für eine einfache schrägovale Ausführung. Entgegen der in der Erzabtei St. Peter üblichen Darstellung der gekreuzten Schlüssel mit gotischen Vierpassreiten sind die Ringe jeweils als Dreipass ausgeführt, die Bärte weisen eine einfache kreuzförmige Aussparung auf. Im Oberwappen ist die Mitra in einer sehr reduzierten Form ohne spezielle Ornamentik oder aufgesticktes Kreuz, aber immer noch mit goldenem Circulus und Titulus gezeichnet. Die Form des Pedums entspricht ganz der bereits im Wappenschild verwendeten einfachen Form. Die Infuln der Mitra und der Pannisellus des Pedums bilden optische Gegengewichte.

Das neue Wappen wird in Zukunft wohl vorrangig auf dem Briefpapier und anderen Drucksorten des Wappenträgers sowie auf seinem Siegel Verwendung finden.6 Doch wer weiß schon, welche Vorhaben Abt Nikolaus in seiner Amtszeit verwirklichen wird – und wo sich die Gelegenheit bieten wird, sein Wappen anzubringen?

  1. Vgl. Franz Gall, Österreichische Wappenkunde. Handbuch der Wappenwissenschaft (Wien–Köln–Weimar 31996) 19f. – Zur kirchlichen Heraldik ist das Standardwerk Bruno Bernhard Heim, Heraldry in the Catholic Church. Its Origin, Customs and Laws (Buckinghamshire 21981); in deutscher Sprache zuletzt auch Simon Petrus, Heraldisches Handbuch der katholischen Kirche (Regenstauf 2016).
  2. Vgl. Aleš Zelenka–Walter Sauer, Die Wappen der Wiener Schottenäbte (Wien 1971).
  3. Heinrich Ferenczy, Vom Stifts-Wappen zum Schul-Logo … Teil V: Äbtewappen, in: Schottillion Nr. 6 (2003) 11, auch online unter https://www.schotten.wien/schottillion/6.pdf; Georg Kugler, „Insignia Convent. B.M.V. ad Scotos Viennae“. Wappen in der Schottenkirche (1): Stiftswappen und Äbtewappen (Kunst in der Schottenkirche 14), in: Schottenpfarrblatt Nr. 29 (2009) 3, auch online unter https://www.schotten.wien/pfarrblatt/Pfarrblatt_Nr29.pdf.
  4. Vgl. Werner T. Huber, Das Sachsler Meditationstuch. Speculum Humanæ Salvationis – Ein Spiegel des christlichen Lebens (1981–2021), https://www.nvf.ch/rad1.asp.
  5. Vgl. Art. Hernals (Bezirkswappen) (zuletzt geändert 18.9.2020), in: Wien Geschichte Wiki, https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Hernals_(Bezirkswappen).
  6. Für letzteres wurde, um einen klareren Abdruck des Siegelstempels zu ermöglichen, lediglich auf den Wappenschild zurückgegriffen, Oberwappen und Devise wurden hingegen weggelassen. Zusätzlich erhielt der obere Rand des Schilds eine leichte Wölbung, um sich besser in die runde Form des Siegels einzupassen.

Benedictus Chelidonius: Ein Poet als Abt

Abt Benedictus Chelidonius (1518–1521), der am 8. September 1521 verstarb, ist trotz seiner nur sehr kurzen Amtszeit einer der prominentesten Äbte des Schottenstifts. Er gilt als wichtiger Vertreter des sogenannten Klosterhumanismus. Bedeutung erlangte er als neulateinischer Lyriker, der mit dem humanistischen Kreis um Konrad Celtis, Albrecht Dürer, Willibald Pirckheimer, Johannes Cochläus und Caritas Pirckheimer in Austausch stand. Seinen Nachruhm sichern ihm auch heute noch seine drei gemeinsam mit Dürer verwirklichten Arbeiten aus dem Jahr 1511.1 In der Vergangenheit ist er in erster Linie ob seiner Dichtungen und Briefwechsel im Fokus wissenschaftlicher Betrachtungen gestanden. Aus Anlass seines 500. Todestages unternimmt eine kleine Themenschau im Museum im Schottenstift derzeit erstmals den Versuch, mit wenigen Objekten sowohl den Poeten als auch den Abt Benedictus Chelidonius in den Blick zu nehmen.

Der um 1460 geborene Chelidonius, der stets die gräzisierte Form seines Familiennamens Schwalbe benutzte,2 war zunächst Mönch im Egidienkloster in seiner Heimatstadt Nürnberg. Als solcher verfasste er 1511 für einen heute verlorenen Glasfensterzyklus im Kreuzgang seines Heimatklosters einen kurzen Katalog der Äbte des Klosters seit dem Jahr 1418.3 Dieser erschien Jahrzehnte später gemeinsam mit seinen Versen zur Klostergründung in Kaspar Bruschs Geschichte der Klöster Deutschlands im Druck.

StiB 93.d.25/1, fol. 47v. – Benedictus Chelidonius: Verse zu Gründung und Äbten des Egidienklosters in Nürnberg. In: Kaspar Brusch: Monasteriorum Germaniae praecipuorum ac maxime illustrium centuria prima (Ingolstadt, 1551).

Chelidonius’ künstlerisch ambitioniertestes Werk ist die Passio Jesu Christi salvatoris mundi. Darin beschreibt er die Passion Christi im heilsgeschichtlichen Kontext in 36 Einzelgedichten in unterschiedlichsten antiken Metren.4 Erstmals nach 1506 mit Holzschnitten Hans Wechtlins in Straßburg erschienen, wurde das Werk nochmals 1511 mit Holzschnitten Albrecht Dürers (sogenannte Kleine Holzschnittpassion) in Nürnberg sowie postum 1526 in Köln aufgelegt. Das Schottenstift besitzt eine 1514 in Krakau erschienene Ausgabe mit wieder anderen Holzschnitten, die in der Forschung bislang keine Rezeption erfahren hat. 

StiB 33.f.3(b), fol. AIv. – In primorum expulsionem parentum Carmen Elegiacum des Benedictus Chelidonius. In: Benedictus Chelidonius: Passio Jesu Christi salvatoris mundi (Krakau, 1514).

Zweifellos Chelidonius’ herausragendste Werke sind die beiden gemeinsam mit Albrecht Dürer konzipierten „großen“ Andachtsbücher, die 1511 im Druck erschienen: das Marienleben und die Große Passion. Trotz der Formulierung, die sich am Titelblatt des Marienlebens findet („cum versibus annexis“), sind die von Chelidonius hierfür gedichteten Verse nicht als bloße Beigaben zu den Holzschnitten Dürers zu verstehen, sondern Text und Bild stehen gleichberechtigt nebeneinander und bieten dem humanistisch gebildeten Leser zwei einander ergänzende Betrachtungsmöglichkeiten.5

Titelblatt des Marienlebens. Albrecht Dürer & Benedictus Chelidonius: Epitome in Divae Parthenices Mariae historiam (Nürnberg, 1511). Wikimedia Commons, CC0 1.0. Da das Schottenstift keines der beiden Werke besitzt, ist im Museum ein Faksimiledruck ausgestellt.

Dürer scheint aber auch in den Bildern selbst Hinweise auf Chelidonius versteckt zu haben – oder ist es Zufall, dass auf zahlreichen der Holzschnitte im Hintergrund Schwärme von Schwalben zu sehen sind?

Ausschnitte aus dem Marienleben (links und Mitte) bzw. der Großen Passion (rechts). Albrecht Dürer & Benedictus Chelidonius: Epitome in Divae Parthenices Mariae historiam bzw. Dies.: Passio domini nostri Jesu (beide Nürnberg, 1511). Wikimedia Commons (1, 2, 3), CC0 1.0.

Ausdruck von Chelidonius’ Vernetzung sind seine zahlreichen Widmungsgedichte, Begleitverse und Vorreden, die er zu den Werken anderer Humanisten beisteuerte. So lobt er etwa mit einem kurzen Epigramm zum Plinius-Index des Wiener Minoriten Johannes Camers (eigentlich Giovanni Ricuzzi Vellini aus Camerino) sowohl Plinius den Älteren (Gaius Plinius Secundus Maior), den Verfasser der antiken Naturalis historia, als auch den Kompilator des dieses enzyklopädische Werk zur Naturkunde erschließenden Registers.

StiB 58.i.20, fol. VIII. – Epigramm des Benedictus Chelidonius. In: Johannes Camers: Prima pars Plyniani Indicis (Wien, 1514).

Um 1514 übersiedelte Chelidonius nach Wien ins Schottenkloster. Im Jahr 1515 bezeichnet er sich in einem Druck der Werke Ottos von Freising bereits als Mönch des Wiener Schottenklosters. Bei der vom Humanisten und kaiserlichen Diplomaten Johannes Cuspinian angefertigten Edition handelt es sich um die erste gedruckte Ausgabe der Werke Ottos. Sie basiert auf einer Handschrift, die Cuspinian im Schottenkloster vorfand – und die seitdem als verschollen gilt. Chelidonius steuerte zu diesem Band gleich zwei Empfehlungsgedichte sowie ein Preisgedicht auf Kaiser Maximilian I. bei.

StiB 98.d.20, fol. AaIIIv/AaIVr. – Benedictus Chelidonius: Empfehlungsgedichte zur Chronik Ottos von Freising. In: Ottonis Phrisingensis Episcopi, viri clarissimi, Rerum ab origine mundi ad ipsius usque tempora gestarum, hg. von Johannes Cuspinian (Straßburg, 1515). StiB 98.d.20, fol. LXXXIXv/XCr. – Carmen de divo Caesare nostro Maxæmiliano des Benedictus Chelidonius. In: Ottonis Phrisingensis Episcopi, viri clarissimi, Rerum ab origine mundi ad ipsius usque tempora gestarum, hg. von Johannes Cuspinian (Straßburg, 1515).

Nach Chelidonius’ Umzug nach Wien stand seine literarische Tätigkeit in enger Beziehung zum Wiener Hof Kaiser Maximilians I. So verfasste er den (nur handschriftlich im Zisterzienserstift Heiligenkreuz überlieferten) epischen Bericht De conventu Divi Caesaris Maximiliani, Regumque Hungariae Boemiae et Poloniae über den Wiener Fürstentag 1515 und steuerte für das monumentale Holzschnittwerk der Ehrenpforte Maximilians I. auf Anordnung des Kaisers die lateinische Übersetzung der ursprünglich deutsch abgefassten Texte des Johannes Stabius bei.

Sein im Februar 1515 im Vorfeld des Wiener Fürstentags von adeligen Schülern des Schottenklosters in der Wiener Hofburg aufgeführtes burlesk-pädagogisches Huldigungsspiel Voluptatis cum virtute disceptatio, welches allegorisch den Streit zwischen Tugend und Laster thematisierte, gilt als ein Prototyp des Schulspiels. Die szenische Gestaltung hatte ihre Wurzeln in den Fastnachtspielen aus Chelidonius’ Heimatstadt Nürnberg und wies auch derb-komische Elemente wie eine Prügelszene auf.6

Titelblatt von Benedictus Chelidonius: Voluptatis cum virtute disceptatio (Wien, 1515). Österreichische Nationalbibliothek, Musiksammlung, 21748-B (data.onb.ac.at/dtl/4436865).

Im gleichen Jahr wurde im Auftrag des Wiener Schottenkloster ein Diurnale Monasticum, ein Stundenbuch mit den Texten für das Stundengebet der Mönche untertags, gedruckt und mit einem Beuteleinband versehen. Das Beutelbuch als gemeine Figur bildet einen Bestandteil des Wappens des Schottenklosters. Das Büchlein enthält auch kurze Begleitworte von Chelidonius.7

StiB 17.i.53, fol. 2r. – Begleitworte des Benedictus Chelidonius. In: Diurnale Monasticum (Venedig, 1515).

Nach der Resignation des Abtes Johann Kremnitzer wurde der im Wiener Schottenkloster lebende Benedictus Chelidonius im Jahr 1518 durch Kompromiss zum neuen Abt gewählt. Der Wiener Bischof Georg Slatkonia bestätigte die Wahl vorbehaltlich möglicher Einsprüche – die jedoch offenbar nicht erfolgten.

Scr. 1 Nr. 9 a). – Bischöfliche Bestätigung der Wahl des Benedictus Chelidonius zum Abt des Schottenklosters (17. Juli 1518).

Kurz nach Beginn von Chelidonius’ Amtszeit erschien ein Büchlein im Druck, das für die Totenliturgie im Wiener Schottenkloster gebräuchliche Texte und Gesänge versammelt. Zusammengestellt wurde es von Frater Ambrosius de Pannonia, dem Prior des Klosters, der bereits den Druck des Stundenbuchs verantwortet hatte. In der Bibliothek des Schottenstifts haben sich drei Exemplare dieses Drucks erhalten.

StiB 29.k.58, fol. 2r. – Totenvigilien und -offizium des Schottenklosters (Venedig, 1518).

Ebenfalls bereits als Abt des Wiener Schottenklosters edierte Chelidonius die von einem Magister Bandinus angefertigte Kompilation der Sentenzen des Petrus Lombardus, welche der Theologe Johannes Eck, bekannt als Gegenspieler Martin Luthers, in einer Handschrift im Benediktinerstift Melk entdeckt hatte. In seinem Prolog wendet sich Chelidonius mit Dank an Abt Sigismund Taler von Melk.

StiB 33.f.3(a), fol. a3v/a4r. – Benedictus Chelidonius: Prolog zur Sentenzenkompilation des Bandinus. In: Bandini viri doctissimi sententiarum theologicarum libri quattuor. Liber loquitur (Wien, 1519).

Im Jahr 1519 nahm Benedictus Chelidonius als Abt des Schottenklosters eine Schenkung des Wiener Bürgers und kaiserlichen Sekretärs Johann Falkh entgegen. Dieser überließ dem Kloster gegen einen Unterhalt auf Lebenszeit alle Schuldscheine, die er vom kurz zuvor verstorbenen Kaiser Maximilian I. erhalten hatte. Das monumentale, kunsthistorisch wertvolle Grabdenkmal Falkhs, der bereits wenige Monate später verstarb, befindet sich heute im sogenannten Mausoleum des Klosters (früher im Kreuzgang).

Urk 1519-03-07.2. – Revers des Schottenklosters zur Schenkung des Johann Falkh (7. März 1519). Das spitzovale Siegel des Abtes wurde offenbar nach dem Tod des Schenkers ungültig gemacht. Das Siegel des Abtes Benedictus Chelidonius auf einer Urkunde im Diözesanarchiv Wien. DAW, Urk 15190406. Epitaph des Johann Falkh im Mausoleum des Schottenstifts (1519). © Fotoabteilung, Institut für Kunstgeschichte, Universität Wien.

Als Abt oblag Benedictus Chelidonius auch die Sorge um die Wirtschaft des Klosters. So ging das Schottenkloster im Jahr 1520 mit Wolfgang von Liechtenstein-Nikolsburg ein für das Haus wichtiges Grundstücksgeschäft nördlich von Wien ein: Im Tausch für alle Güter zu Kronberg bei Ulrichskirchen (heute Bezirk Mistelbach) erhielt das Kloster Grundholde zu Stammersdorf und Gerasdorf samt der Vogtei.

(links) Urk 1520-01-26.1. – Urkunde Wolfgangs von Liechtenstein-Nikolsburg über den Tausch von Grundholden zu Stammersdorf und Gerasdorf mit dem Schottenkloster (26. Jänner 1520).
(rechts) Scr. 114 Nr. 14 a). – Grundbuch von Stammersdorf und Gerasdorf (1520).

Am 8. September 1521 starb Abt Benedictus Chelidonius nach nur dreijähriger Amtszeit. In das Gedächtnis des Schottenklosters eingegangen ist er als Dichter und Historiograph mit Beziehung zu Kaiser Maximilian I.

(links) Sterbeeintrag zu Abt Benedictus in einem Jahrtagskalender (1774).
(rechts) Porträt von Abt Benedictus in der Äbtegalerie des Schottenstifts (Mitte 18. Jh.).

Die Themenschau „Benedictus Chelidonius: Ein Poet als Abt“ kann von 8. September 2021 bis 12. Februar 2022 im Museum im Schottenstift besichtigt werden. Der Zugang erfolgt über den Klosterladen (Freyung 6, 1010 Wien).

  1. Hier eine vollständige Bibliographie zu Chelidonius zu bieten, ist nicht möglich. An Überblicksdarstellungen genannt seien: Paulus Volk, Art. Chelidonius (Schwalbe), Benedictus, in: NDB 3 (1957) 195f.; Johannes Staub, Art. Chelidonius (Schwalbe), Benedictus, in: LThK3 2 (1994) Sp. 1032f.; Uwe Harten, Art. Chelidonius (eig. Schwalbe, lat. Hirundo), Benedictus OSB (gen.: Musophilus), in: OeML 1 (2002) 266, auch online unter http://www.musiklexikon.ac.at/‌ml/musik_C/Chelidonius_Benedictus.xml; Manfred Knedlik, Art. Chelidonius (Schwalbe), Benedictus, in: BBKL 20 (2002) Sp. 293–296; Claudia Wiener, Art. Chelidonius (Schwalbe; Hirundo, Musophilus), Benedictus, in: HumVL 1 (2008) 427–439; Franz Posset, A Graecian, Christian Poet, and Playwright: Benedictus Chelidonius, Monk of Nuremberg, Abbot of the Schottenstift, Vienna, in: Ders., Renaissance Monks. Monastic Humanism in Six Biographical Sketches (Studies in Medieval and Reformation Traditions 108, Leiden–Boston 2005) 63–92.
  2. In einem frühen Werk verwendet er einmal die latinisierte Form Hirundo.
  3. Hierzu zuletzt: Hartmut Scholz, Die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg: Sebalder Stadtseite (Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland 10/2, Berlin 2013) 376–379, auch online unter https://corpusvitrearum.de/publikationen/editionen/editionen/cvma-x-2.html. Das Nürnberger Egidienkloster war wie das Wiener Schottenstift ein ehemaliges irisches Schottenkloster.
  4. Vgl. hierzu u. a. Maria Kisser, Die Gedichte des Benedictus Chelidonius zu Dürers Kleiner Holzschnittpassion (ungedr. Dissertation Universität Wien 1964).
  5. Die Literatur zu den Werken Dürers ist sehr umfangreich; vgl. hierzu mit Blick auf Chelidonius etwa Anna Scherbaum, Albrecht Dürers Marienleben. Form, Gehalt, Funktion und sozialhistorischer Ort. Mit einem Beitrag von Claudia Wiener (Gratia. Bamberger Schriften zur Renaissanceforschung 42, Wiesbaden 2004); Arwed Arnulf, Dürers Buchprojekte von 1511: Andachtsbücher für Humanisten, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 31 (2004) 145–174; Anna Scherbaum–Claudia Wiener–Georg Drescher (Hg.), Andachtsliteratur als Künstlerbuch. Dürers Marienleben. Eine Ausstellung der Bibliothek Otto Schäfer zu einem Buchprojekt des Nürnberger Humanismus (Schweinfurt 2005); Thomas Schauerte, [Rezension von] Anna Scherbaum, Albrecht Dürers Marienleben, in: Journal für Kunstgeschichte 10 (2006) 31‒37; Anja Grebe (Hg.), Albrecht Dürer. Drei große Bücher. Marienleben – Große Passion – Apokalypse (Darmstadt 2020).
  6. Vom im gleichen Jahr erschienenen Druck des Stücks hat sich kein Exemplar im Schottenstift erhalten. Siehe hierzu den Beitrag 500 Jahre Schülertheater bei den Schotten und der Humanist Benedictus Chelidonius in diesem Blog sowie: Markus Reiterer, Die Herkulesentscheidung von Prodikos und ihre frühhumanistische Rezeption in der „Voluptatis cum Virtute disceptatio“ des Benedictus Chelidonius (ungedr. Dissertation Universität Wien 1955); Margret Dietrich, Chelidonius’ Spiel: „Voluptatis cum virtute disceptatio“, Wien 1515. Versuch einer Rekonstruktion der Inszenierung, in: Maske und Kothurn 5 (1959) 44–59; Gábor Kiss Farkas, Dramen am Wiener und Ofener Hof. Benedictus Chelidonius und Bartholomeus Frankfordinus Pannonius (1515–1519), in: Maria von Ungarn (1505–1558). Eine Renaissancefürstin, hg. von Martina Fuchs–Orsolya Réthelyi (Geschichte in der Epoche Karls V. 8, Münster 2007) 293–312.
  7. Zu diesem Beutelbuch siehe Larissa Rasinger, Ein für die Forschung neu entdecktes Beutelbuch des Wiener Schottenstifts, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 123 (2015) 428–434.